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  • Kritik: Melodram eines Sozialromantikers

    Vorn liegt ein ernst blickender Mann mit dickem Kopfverband, in der Hand hält er eine glimmende Zigarette. Im Hintergrund, an einem bescheidenen Abendbrottisch, sitzt eine verhärmte blonde Frau. Auf beide Menschen fällt ein dramatischer Lichtstrahl. Darunter verläuft schräg in greller, altmodischer Schrift der Filmtitel: "Der Mann ohne Vergangenheit".

    Bereits das Kinoplakat signalisiert: In Form und Inhalt zitiert Aki Kaurismäkis neue Arbeit das Melodram der 50er Jahre. Für sein Werk erhielt der finnische Regisseur, Autor und Produzent im Sommer den Großen Preis der Jury von Cannes.

    Knappe Handlung mit malerische Szenerien

    Genre-Parodien hat der stilsichere Kaurismäki (45) in seiner Karriere schon mehrfach geboten: In "Leningrad Cowboys Go America" (1989) spielt er mit Cowboy-Film und Road-Movie, "Juha" (1999) ist ein schwarz-weißer Stummfilm. Auch sonst bleibt er nach dreijähriger Schaffenspause in "Der Mann ohne Vergangenheit" dem treu, wofür er in den 90er Jahren Kultfigur eines urbanen, intellektuellen Publikums wurde: Einmal mehr schuf Kaurismäki eine lakonische Alltagsgeschichte um Loser und einfache Menschen in humanistischem Grundton. Und wieder versteht er es, seinen Hang zur (Rock-)Musik virtuos mit dem Geschehen zu verknüpfen.

    Die Handlung ist erneut knapp gehalten, hat jedoch einen ungewohnt positiven Ausgang: Ein Mann (Markku Peltola) fährt mit dem Zug nach Helsinki, wird dort von Jugendlichen brutal niedergeschlagen und verliert sein Gedächtnis. Er kommt bei armen, aber anständigen Menschen auf einem Schrotplatz unter und baut sich mit zähem Überlebenswillen seine Identität neu auf. Dabei hilft ihm die Liebe der herben Heilsarmee-Soldatin Irma (Kati Outinen, "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" von 1989).

    Musik reicht von Schlager bis zu orchestraler Klassik

    Der Film besticht wieder durch formale Konsequenz: Die Einfachheit der Geschichte setzt der Meisterregisseur in schlichte, schöne melodramatische Bilder um. Es gibt malerische Szenerien in wunderbar satten Farben - selbst Wohncontainer und Autowracks gewinnen dabei ihre eigene Ästhetik. Über allem spannt sich ein weiter finnischer Wolkenhimmel, immer wieder vertiefen Lichteffekte das menschliche Treiben.

    Von orchestraler Klassik aus dem Radio bis zum Rock aus der Jukebox, vom Heilsarmee-Lied bis zum nostalgischen Schlager reicht die Musik. Sie treibt die Handlung voran: So lässt sich die psychische Genesung des Helden daran abzulesen, dass er das Repertoire der Heilsarmee-Band um Rock 'n Roll erweitert und damit auch den Musikern zu mehr Selbstbewusstsein verhilft.

    In Cannes den Preis als beste Darstellerin eingeheimst

    Sämtliche Darsteller, meist schon in früheren Produktionen dabei, nehmen sich in ihrem Spiel zurück. In den vielen ruhigen Einstellungen agieren sie ernst und intensiv, aber auch mit Kaurismäki-typischen verhaltenen Humor. An eindringlichen Gesichtern kann der Zuschauer innere Prozesse ablesen. In Cannes beeindruckte Kati Outinen als vom Leben vernachlässigte Irma die Jury derart, dass die 41-Jährige dort zur besten Darstellerin gekürt wurde.

    Trotzdem bleibt eine Spur Langeweile

    Dennoch birgt die Verbindung von 50er-Jahre-Melodram und aktueller gesellschaftlicher Aussage Probleme. Menschenfreund Kaurismäki zeigt sich in "Der Mann ohne Vergangenheit" wieder auf der Seite der Unterdrückten: Weder Identitätsstörung noch Arbeitslosigkeit und Armut rauben seinen Personen Würde und Lebenslust, denn sie leben die Nächstenliebe. Doch trotz der Ironisierung des altbackenen Genres wirkt diese Botschaft wie pure Sozialromantik eines Mittelklasse- Mannes mit gutem Herzen. Und der Film manchmal langweilig.

    Ulrike Cordes, dpa

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