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  • Kritik: Meisterwerk des Eric Rohmer

    Wenn der Sommer vorbei ist und der Winter noch fern scheint, bemächtigt sich eine freundliche Melancholie der Menschen. Die Kraft der Sonne ist geschwunden, doch noch nicht erloschen; die Tage sind kürzer, doch noch voller Licht; die Landschaft verliert das Grün, doch das Laub stirbt im Farbenrausch. Es ist die Zeit der Weinernte, und es ist die Zeit, eine "Herbstgeschichte" von den Menschen, der späten Liebe, der sinnlichen Melancholie des Südens und dem Hoffen auf einen guten Wein zu erzählen.

    Es gibt einen, der das so unvergleichlich kann, daß der Besucher nach knapp zwei Stunden verzaubert, beglückt und traurig das Kino verläßt: Eric Rohmer. Bald 80 Jahre ist dieser Magier des französischen Kunstkinos alt. Doch seine Filme sind die eines hellwachen Geistes und lebensfrohen wie Gemütes.

    Mit "Herbstgeschichte" schließt Rohmer seinen Leinwandzyklus "Vier Jahreszeiten" meisterlich ab. Leichter und schöner kann man einen Film um Menschen, über Menschen, für Menschen nicht machen. 110 Minuten lang nimmt der Zuschauer Anteil am Schicksal von zwei Frauen in reiferen Jahren, der temperamentvollen, aber etwas verzagten Winzerin Magali und der sanften, aber nicht unraffinierten Buchhändlerin Isabelle. Doch halt - da gibt es noch eine stille dritte Hauptperson: Frankreichs schöner Süden, wo so viel große Weine reifen.

    Auch auf den Weinbergen in Bourg-Saint-Andeol. Dort baut die verwitwete Magali ihre Trauben an, die Witwe hätte so gern wieder einen Mann zur Seite, nachdem die beiden Kinder aus dem Hause sind. Das weiß ihre Freundin Isabelle. Ohne Wissen der Winzerin gibt sie eine Kontaktanzeige auf. Auch die junge Rosine, schöne Freundin von Magalis Sohn Leo, will dem Glück der vitalen Magalie nachhelfen, indem sie diese mit dem Philosophielehrer Etienne, ihrem etwas lästig gewordenen älteren Liebhaber, zu verkuppeln sucht. Doch Isabelle filtert aus den Rückmeldungen für ihre Anzeige bald den kultivierten Gerald heraus, mit dem sie sich mehrmals trifft und der ihr der geeignete Kandidat für Magalis Herzenswunsch scheint.

    Das Problem ist nur: Gerald verliebt sich in Isabelle, er ahnt nichts von deren Ranküne. Als ihm die Buchhändlerin die Karten auf den Tisch legt, ist er verletzt. Doch Gerald, wie der Zufall so will, ist der Sohn von Weinbauern, einige pikante Mißverständnisse werden beseitigt, und schließlich findet Magali die männliche Entdeckung ihrer Freundin sehr anziehend. Am Ende sind alle heiter vereint beim tradionellen "Reboule", dem Essen am Ende der Weinernte. Das Lied, das dabei erklingt, heißt "Si la vie est un voyage" (Wenn das Leben eine Reise ist...)

    Wer sich mit Eric Rohmer auf die Kinoreise begibt, begegnet anscheinend unspektakulären Geschichten und ebensolchen Verwicklungen wie Charakteren. Doch der greise französische Künstler ist alles andere als ein Neorealist. Seine Filme sind feinste, bis in die Gesten der Mitwirkenden absichtsvoll konstruierte Gebilde, die gerade aufgrund ihrer Perfektheit immer etwas dokumentarisch wirken. Rohmer läßt seine Personen viel und lange reden, das ist oft kritisiert oder bespöttelt worden. Richtig ist, daß er keine Zeit mit Budenzauber vergeudet. Im Mittelpunkt des Werks dieses 78jährigen Cineasten standen und stehen Menschen, denen wir gerne begegnen würden. Rohmer sorgt dafür, daß wir das zumindest im Kino können. Das macht seine Filme unvergleichlich.

    Wolfgang Hübner, AP

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