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  • Kritik: Meisterhafter Thriller um einen Racheengel

    Diese Figur ist in der Filmwelt längst fällig: 14 Jahre alt ist die zuckersüße Hayley, fast noch ein Kind und doch schon Verführerin. Beim Chatten im Internet verdreht sie dem 32-jährigen Jeff den Kopf. Das Kind ist «Hard Candy», ein Bonbon.

    Mit diesem Film hat nun David Slade ein meisterhaftes Spielfilmdebüt abgeliefert. Dieser Thriller um ein Kind als Racheengel ist etwas für alle, die Fantasien von der Kastration eines Kinderschänders schon immer einmal bebildert haben wollten.

    Der Theaterautor und Drehbuchschreiber Brian Nelson zeichnet das klare Gegenstück zu Vladimir Nabokovs Lolita, die in der Literatur seit einem halben Jahrhundert als Inbegriff der lasziven Kindfrau herhalten muss und Vorlagen für viele Filme lieferte. Dieser Film hier trifft genau den Nerv derjenigen, die laxe Urteile wegen Kindesmissbrauchs anprangern, die fassungslos sind wegen der vielen Kinderschänderringe überall, wegen der Männer, die sich im Internet an der Vergewaltigung und manchmal auch Tötung von Kindern laben.

    Slades mitunter sarkastische Erzählweise ist trotz der 103 Minuten dicht. Die Kameratechnik, stilsicher von Jo Willems, bewegt sich zwischen farbintensiver und ruckeliger Videokunst mit überzeichneten Bildern und langen ruhigen Einstellungen. Obschon die durchkomponierten Bilder mit satten Farben nie blutrünstig sind und sich die Kamera zurückhält, wenn Hayley mit dem Skalpell an Jeffs Hoden richtig zur Sache kommt, ist der Film erst ab 18 Jahren frei.

    Die Ende März aus der Insolvenz entlassene Berliner Senator AG beginnt mit dieser Produktion ihre neue «Autobahn»-Reihe und verspricht «Filme der härteren Gangart». Ursprünglich sollte der Schocker «Rohtenburg» um den Kannibalen von Rotenburg den Anfang machen, doch ist der Film in Deutschland gerichtlich verboten.

    Es geht den Machern hier mehr um die Botschaft als um den Horror, der vor allem im Kopf entsteht. Es geht darum, der Versuchung zu erliegen. Der auf dem katalanischen Sitges-Festival als bester Film und für das beste Skript ausgezeichnete Streifen warnt ohne belehrenden Ton jeden, der tatsächlich meint, Kinder sollten ihre Sexualität auch mit Erwachsenen entdecken dürfen.

    Obwohl nur zwei Protagonisten die Handlung tragen, fällt die Spannung kaum ab. Dass das kammerstückartige Spiel und die Dialoge aufgehen, liegt in erster Linie am eindringlichen Spiel der erst 17 Jahre alten, der Rolle aber bis ins Detail gewachsenen Kanadierin Ellen Page. «Hayley ist eine wirklich faszinierende Figur und ich bezweifle, dass ich sie jemals vergessen werde», sagt Page laut den Unterlagen zum Film. In «Hard Candy» schimpft Hayley, die knabenhaft kurzes Haar trägt, dass Mädchen zwar ihre Aufgaben als Pfadfinder lernen, nicht aber, wie sie sich gegen geile Männer wehren.

    Auch Patrick Wilson («Das Phantom der Oper») überzeugt als Jeff, der eigentlich sympathisch und sexy ist, im Grunde aber ein elender Pädophiler, der wie viele seiner Sorte sich seine perverse Neigung nicht eingesteht. In der Designerwohnung des Fotografen läuft ein Katz-und-Maus-Spiel ab, bei dem die Rollen des Jägers und des Gejagten, des Täters und Opfers immer wieder wechseln. «Hard Candy» reißt einen hin und her, weil der Film nicht vorschreibt, wer von beiden gut, wer böse ist. Letztlich ist es Hayley, die zu weit geht.

    Ulf Mauder, dpa

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