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  • Kritik: Mehr Explosions- als Geistesblitze im Gefängnisthriller

    Und davon sollen wir lernen? Da reisen Horden von US-Autoren durchs Land, um uns gegen teure Seminargebühren beizubringen, was dem deutschen Film angeblich am schmerzlichsten abgeht: das Schreiben guter Drehbüchern nämlich. Und dann setzt man uns "The Rock" vor: einen 60-Millionen-Dollar-Knallkörper mit Stars wie Sean Connery und Nicolas Cage, dessen geistige Väter ein paar Wochen Drehbuchschule selbst dringend nötig hätten.

    Nun haben die Produzenten Don Simpson (im Januar 50jährig ein Opfer seines exzessiven Lebenswandels) und Jerry Bruckheimer seit "Top Gun" ihr Geld immer eher für Explosions- als für Geistesblitze ausgegeben. Doch in einer Stadt, wo jedes Skript mindestens zehnmal durch den Wortwolf gedreht wird, bevor ein Schauspieler das erste Wort sagt, hätten die groben Ungereimtheiten irgend jemandem auffallen müssen.

    Da opfert ein General skrupellos die eigenen Soldaten, um in den Besitz eines tödlichen Nervengases zu kommen, verschanzt sich auf der früheren Gefängnisinsel Alcatraz und sperrt nebenbei noch 100 Touristen als Geiseln ein. Von Anfang an wird der Schlächter mit einem edlen Motiv ausgestattet (er will der US-Regierung Entschädigungen für bei Geheimmissionen umgekommene Agenten abtrotzen), und am Schluß erhält er gar moralische Absolution, als er netterweise darauf verzichtet, ganz San Francisco auszulöschen.

    Das ist nicht mehr ein widersprüchlicher, sondern ein unmöglicher Charakter; so unglaubwürdig wie das Schicksal der zweiten zentralen Figur, des britischen Geheimdienstlers Mason. Den haben die Amerikaner 30 Jahre lang nur deshalb eingekerkert, weil er "alle Geheimnisse weiß von der Landung der Außerirdischen bei Roswell bis zu den wahren Mördern Kennedys". Der Dritte im Männerbunde, FBI-Toxikologe Goodspeed, erscheint halbwegs plausibel, muß aber die implausibelsten Kunststücke vollführen. Dazu zählt eine überdehnte Verfolgungsjagd mit, zugegeben, spektakulärem Ende, das jedoch Minuten zu spät kommt.

    Von all dem ist nichts zu lernen. Nicht, wie man Spannungsbögen aufbaut, ein tragfähiges Handlungsgerüst konstruiert, Schauspieler führt: Connery bewegt sich abwechselnd mit Bondschem Elan und wie ein Greis.

    Doch, etwas gibt es zu lernen: Zeitweilig sieht "The Rock" so aus, als hätte Regisseur Michael Bay den Ehrgeiz gehabt, einen Film aus noch nie geschauten Bildern zu drehen. Jede noch so kurze Einstellung - und seien es nur zwei Männer, nebeneinanderlaufend im Gespräch - wird von Bay und seinem ebenfalls werbefilmerprobten Kameramann John Schwartzman als optische Delikatesse zelebriert. Das ist, ins Kino übersetzt, die Ästhetik des Videoclips. Die MTV-Generation - Bay ist gerade 32 - hat nicht nur gelernt, eine Geschichte im Stakkatoschnitt auf drei Minuten zu komprimieren. Sie hat sich auch eine Überrumpelungstaktik angewöhnt, Bilder, die auf den ersten Blick verblüffen müssen; es gibt keine Chance des zweiten Blicks.

    "The Rock" wird nicht von der Hast eines Musikvideos getrieben, doch die Bilder atmen die Intensität, das Marktschreierische der MTV-Sehschule.

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