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  • Kritik: "Lügen und Geheimnisse"

    Frankfurt/M (AP) Cynthia ist Fabrikarbeiterin in London, lebt in einem heruntergekommen Reihenhaus und streitet ständig mit ihrer Tochter Roxanne. Mit ihrem Bruder, einem recht erfolgreichen Fotografen, hat sie kaum noch Kontakt - die Schwägerin, so glaubt sie, hat die Geschwister entfremdet.

    Eines Tages erhält sie einen Anruf, der ihr tristes Dasein aufhellen wird: Ihr zweites Kind, das sie vor zwei Jahrzehnten zur Adoption freigegeben hatte, hat sie nach dem Tod ihrer Pflegeeltern ausfindig gemacht. Doch zum großen Erstaunen von Cynthia ist die gebildete und gepflegt auftretende Hortense eine Schwarze.

    Geschichten um Adoptivkinder und die Suche nach den leiblichen Eltern haben derzeit Hochkonjunktur im Kino. Nach zwei amerikanischen Komödien - "Flirting with Disaster" mit Ben Stiller und "Geliebte Aphrodite" von Woody Allen - liefert der Brite Mike Leigh mit "Lügen und Geheimnisse" eine ganz andere, sehr europäische Sicht des Themas. Der in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichnete Film ist dem Realismus verpflichtet, nimmt sich viel Zeit für seine Charaktere und die Schilderung des Milieus, das ihr Dasein bestimmt.

    Als Kind, so erzählt Leigh in einem Interview der "Filmecho/Filmwoche", habe er im Manchester der 50er Jahre die "Scheinwelt des Kinos" erlebt, "die im scharfen Gegensatz zur grauen, tristen Wirklichkeit der Industriebezirke stand. Und schon früh fragte ich mich, warum sind diese Menschen und ihre Probleme nicht auf der Leinwand." Sein Appell an die europäischen Kollegen: "Filme über unsere Welt und das wirkliche Leben zu inszenieren und damit ein starkes Gegengewicht zu Hollywood zu setzen".

    Mit "Lügen und Geheimnisse" ist dem 53jährigen das Kunststück gelungen, das "wirkliche Leben" auf die Leinwand zu bannen, ohne den Zuschauer mit der Schilderung des grauen englischen Arbeiteralltags auch nur eine Sekunde zu langweiligen. Dabei braucht Leigh weder eine spektakuläre Geschichte noch irgendwelche Regiemätzchen - er vertraut einfach seinen Schauspielern.

    Fünf Monate hat er sie vor Beginn der Dreharbeiten auf ihre Rollen vorbereitet, "dann war ich sicher, daß alle ihre Charaktere verinnerlicht haben". In einer Schlüsselszene des Films erkennt Cynthia (Brenda Blethyn), daß Hortense (Marianne Jean-Baptiste) wirklich ihre Tochter ist. Leigh setzt die beiden in ein schäbiges Cafe und läßt die Kamera in der Halbtotalen einfach laufen - eine minutenlange Einstellung ohne Schnitt.

    "Man kann eine solche Szene nur drehen, wenn die Darsteller absolut im Leben ihrer Figuren stehen. Dieser Moment ist das wahre Leben. Es ist das Ende einer langen Reise, die während der monatelangen Vorbereitungszeit stattgefunden hat", glaubt der Regisseur. Die Reise hat offenbar allen Schauspielern gutgetan: Nicht nur Brenda Blethyn liefert eine brillante Charakterstudie ab (sie wurde in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet), auch Timothy Spall als ihr Bruder Maurice, Claire Rushbrook als Tochter und die anderen Schauspieler überzeugen.

    Und so folgt der Zuschauer ihnen gern über 142 Minuten: Die Beziehung zu ihrer wiedergefundenen Tochter tut Cynthia gut, bei einem Fest zum Geburtstag von Roxanne im Garten ihres Bruders gibt sie Hortense als Arbeitskollegin aus. Doch dort fliegen neben dieser Lüge auch andere Geheimnisse auf, die das Leben der Familie belastet haben und unter denen vor allem Maurice jahrelang gelitten hat. Doch nach dem großen Krach läßt Leigh seinen Film versöhnlich ausklingen - wie im wahren Leben?

    Von AP-Korrespondent Uwe Gepp

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