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  • Kritik: Liebesfilm für RomantikVerweigerer

    Zwei Fremde im Zug - so haben schon viele Liebesgeschichten ihren Anfang genommen. Auch der Film «Katze im Sack» lässt Mann und Frau im Abteil aufeinander treffen. Doch was dann folgt, bezeichnet der Regisseur Florian Schwarz als «Liebesfilm für alle, die keine Liebesfilme mögen». Seine Akteure geben sich als konsequente Romantik-Verweigerer. Sie behalten ihre Gefühle und Geheimnisse für sich und flüchten in ätzenden Sex mit anderen.

    Nur Anfang und Ende des knackige 86 Minuten kurzen Films spielen bei Tag. Der Rest passiert in einer Nacht in Leipzig. Mit seinem stilvoll düster gedrehten Debütfilm hat Florian Schwarz zugleich seine Abschlussarbeit der Filmakademie Baden-Württemberg erledigt. Und besser hätte es für den Nachwuchsregisseur gar nicht laufen können: Sein cooler «film noir» mit großartigen Darstellern wurde im vergangenen Jahr gleich mit dem deutschen Nachwuchspreis First Steps Award ausgezeichnet.

    Schwarz und sein Drehbuchautor Michael Proehl schicken ihre Figuren durch eine kalte, gemeine Welt. Karl (Christoph Bach), ein smarter Typ und lässiger Herumtreiber, setzt sich im Zug nach Leipzig ins Abteil von Doris (Jule Böwe). Die hübsche Kellnerin kommt, wie man später erfährt, wahrscheinlich vom Begräbnis ihrer Mutter. Es knistert zwischen den beiden, doch die Annäherung ist ungewöhnlich: Karl klaut Doris' Tagebuch, sie stibitzt ein Kästchen mit einer Zeitungsseite aus seinem Rucksack. Abends erscheint Karl in der Karaoke-Bar, wo Doris hinterm Tresen steht und ihr älterer Liebhaber Brockmann (Walter Kreye) sehnsuchtsvolle Lieder ins Mikrofon singt.

    Brockmann ist Experte für Videoüberwachung und erotischer Voyeur. Doris bedient seine Obsession mit verzweifeltem Exhibitionismus und entblößt ihre Brüste auf dem Hinterhof. Karl braucht einen Platz zum Schlafen und verlässt die Bar mit einer willigen «Sahneschnitte», deren Schwester sich daheim nicht minder sexversessen zeigt. Nur Brockmann, der alternde Verlierer, zeigt für Momente wahre Gefühle. Die jungen Leute spielen zynische Spiele miteinander. Sex ist abgekoppelt vom Gefühl, der Körper getrennt von der Seele.

    Wenn alle auf der Leinwand die «Katze im Sack» lassen und um die eigene Sehnsucht herumschleichen, findet im Kino die Liebe woanders statt: Im Kopf der Zuschauer, deren Fantasie sich schon längst mit den Geheimnissen von Karl und Doris beschäftigt. Denn die beiden könnten so gut zueinander passen. Unterstützt wird dieser Trick der Gefühlsverlagerung durch die rotzig-sentimentalen Filmsongs der deutschen Bands 2raumwohnung und Slut. In diesem Sinne funktioniert das Konzept des Films überraschend gut und ist dann doch hemmungslos romantisch. Fieser Sex und Gewalt auf der Leinwand können nicht die Liebe verhindern, die man sich für Doris und Karl wünscht.

    dpa

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