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  • Kritik: Leben vom Rausch

    Zwei Drittel des Haschischs für den europäischen Markt werden Schätzungen zufolge in den Bergen Marokkos hergestellt. Für die dortigen Bauern ist der Haschischanbau seit vielen Jahren die einzige größere Einnahmequelle. Wie die Droge den Alltag dieser Menschen prägt, zeigt Daniel Gräbner in ruhigen Bildern in seinem Low-Budget-Dokumentarfilm "Haschisch", mit dem er zugleich sein Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln abschloss.

    "Ich will mit meinem Film über die Hintergründe des Haschischanbaus informieren und Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst keine Stimme haben," betont Gräbner. Der Film sei außerdem "ein Beitrag zur poetischen Auseinandersetzung mit der Globalisierung".

    Geraucht wird auch vor laufender Kamera

    Bemerkenswert an der bedächtigen filmischen Chronik ist, wie offen die Bewohner des Rifgebirges, wo seit acht Jahrhunderten Hanf für die Haschischproduktion angebaut wird, Auskunft geben über Anbau, Verarbeitungsmethoden und Qualitätsstufen der Droge.

    Dass einige den Stoff auch vor laufender Kamera rauchen und im Off die Transportgewohnheiten und gängigen Schmuggelrouten enthüllen, spricht für das Vertrauensverhältnis, das Gräbner vor Ort aufbauen konnte. Gleichwohl hütet der Dokumentarfilmer sich aber davor, die Schattenseiten des Haschischkonsums zu beschönigen.

    Geduldige Alltagsbeobachtungen

    So berichten Einheimische, dass viele Männer der Region wegen des illegalen Haschischhandels jahrelang im Gefängnis saßen und wie sich gerade die Drogen-Großhändler vom Gefängnis freikaufen können, während Erzeuger und kleine Händler nach Razzien hinter Gitter wandern. Und ein 50-jähriger Marokkaner erzählt, dass er nach jahrzehntelangem schwerem Drogenkonsum einen Schlussstrich gezogen hat, weil er keinen Berg mehr hoch laufen und nicht mehr arbeiten konnte.

    Die geduldigen Alltagsbeobachtungen reichen vom Zerkleinern der Hanfpflanzen über das traditionelle Brotbacken der Frauen bis zur nächtlichen Hasch-Pfeife an der Gaslaterne. Sie werden gegliedert durch eingeschobene Panorama-Aufnahmen der grandiosen Berglandschaft, die zusammen mit orientalischen Klängen eine meditative Stimmung erzeugen.

    Einblicke in die Lebensumstände einer fast vergessenen Welt

    Rund 200.000 Kleinbauern leben heute von der illegalen Haschischproduktion. Ein Gesetz, das den Bauern den Wechsel vom Hanf- zum Obstanbau ermöglichen sollte, scheiterte in den 90er Jahren. Da es keine anderen Einkommensmöglichkeiten in dieser kargen Berggegend gibt, ist Haschisch Tauschwährung und Basis eines sozialen Systems, Medium für Träume und Grund der Stagnation.

    "Sie haben keine Zukunft," sagt dann auch ein Gymnasiast, der bald in der Stadt Fes sein Abitur machen will und sich auf Elektronik spezialisiert hat, mit Blick auf die Männer und die Dorfjugend. Der Junge, der nach eigenen Angaben noch nie Haschisch geraucht oder Wein getrunken hat, träumt von einem besseren Leben in Europa. Er ist gleichsam der Hoffnungsträger der filmischen Bestandsaufnahme, die seltene Einblicke in die Lebensumstände in einer fast vergessenen Weltregion bietet.

    Reinhard Kleber, ddp

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