40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Leander Haußmanns erster Kinofilm
  • Kritik: Leander Haußmanns erster Kinofilm

    Berlin - Mit dem Streifen "Sonnenallee" kommt ein Stückchen DDR-Alltag in die Kinos: komisch, warmherzig und versöhnlich zugleich. Zehn Jahre nach der Wende hat der Intendant des Bochumer Schauspielhauses Leander Haußmann zusammen mit Thomas Brussig ("Helden wie wir") eine Geschichte über junge Leute in der DDR vorgelegt, in die auch eigenes DDR-Erleben einfließt. Für ihre Vorlage bekamen beide im Februar den Drehbuchpreis 1998 der Bundesregierung. Haußmann gibt mit "Sonnenallee" sein Debüt als Filmregisseur.

    Erzählt wird mit viel Musik von erster Liebe, Freundschaft und den Träumen einer Jugendclique im Grenzgebiet auf der Ostseite der Berliner Sonnenallee. Die Straße, die vom Westbezirk Neukölln in den Ostbezirk Treptow führt, war bis 1989 durch die Mauer zerschnitten - durch Panzersperren, Stacheldraht, Wachtürme und Schlagbaum. Extra für das Projekt wurde dazu ein Teil des "antifaschistischen Schutzwalls" in der Filmstadt Babelsberg nachgebaut.

    Detailkenntnis beweist der Film in vielen Szenen: da fehlen weder die gemusterte Wohnzimmertapete, noch der Kaffee-Ersatz "ImNu" und der Gemüseladen mit seinem Komplettangebot an Kohlköpfen. Ironisch in Szene gesetzt sind auch die Pioniere samt ihrer Gruppenleiterin, die "Sekundärrohstoffe" für den Weltfrieden sammeln und immer wieder durchs Bild marschieren.

    Der jugendliche Held Michael Ehrenreich (Alexander Scheer) ist 17, will Pop-Star werden und Miriam (Teresa Weißbach) erobern. In seiner modischen Trainingsjacke weiß er nicht ganz, ob er für oder gegen das System ist. Doch dann fliegt er wegen Urinierens im Vollrausch gegen den Schutzwall von der Schule. Dummerweise bringt auch noch die "Bild"-Zeitung den Delinquenten als Titelfoto. "Dieses Land drückt wie zu enge Schuhe", sagt Micha gegen Ende des Films mit einer Mischung aus Naivität und Ernsthaftigkeit. Haußmann (Jahrgang 1959) hat den 23-jährigen Ehrenreich inzwischen nach Bochum geholt.

    Mit dem Abstand von zehn Jahren erscheint die geschlossene DDR- Gesellschaft in dem Film plötzlich absurd und zudem urkomisch. Da wird es zum "Event", wie Michas Familie mit List und Tücke einen heiß begehrten Telefonanschluss ergattert. Oder wie die Mutter (Katharina Thalbach) mit Hilfe eines gefundenen West-Passes um Jahre altert, um mal "rüberzukommen". In "Sonnenallee" kann man über die DDR schon wieder lachen. Erklärtes Anliegen der Filmemacher war es auch, auf diese Weise Spannungen zwischen Ost und West abzubauen. Herausgekommen ist nun ein witziger Beitrag zur Versöhnung.

    Detlev Buck schließlich, zusammen mit Claus Boje Produzent des Films, gibt einen "Abschnittsbevollmächtigten" der Volkspolizei, der dümmer nicht sein könnte. Aber auch die Wessis bekommen in Gestalt von Onkel Heinz (Ignaz Kirchner) ihr Fett weg. Denn auch der mutige Schmuggler bekommt im Angesicht des Klassenfeindes schon mal weiche Knie. Nur einmal kippt die Szenerie ganz hart in Wut und Tränen: als sich herausstellt, dass Michas Freund Mario (Alexander Beyer) für die Stasi spitzelt.

    In "Sonnenallee" hat Drehbuchautor Brussig (Jahrgang 1965) andere Töne angeschlagen als noch in seinem Wende-Roman "Helden wie wir". Während er sich damals die Wut über die Enge und Unfreiheit in der DDR und die fehlende Auseinandersetzung damit heruntergeschrieben habe, werde jetzt eine unschuldige Romantik, eine Art liebevoller Zoo ausgebreitet, hatte Brussig bei den Dreharbeiten bekannt. Die Hoffnung auf eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der DDR habe er aufgegeben.

    Zufall oder nicht: Der Film läuft am 7. Oktober an - dem früheren "Tag der Republik". An diesem DDR-Feiertag wurde mit Aufmärschen und Fahnenschwenken an die Gründung des Arbeiter- und Bauern-Staates erinnert.

    Jutta Schütz, dpa

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    Das Wetter in der Region
    Sonntag

    -5°C - 4°C
    Montag

    -2°C - 4°C
    Dienstag

    0°C - 4°C
    Mittwoch

    3°C - 6°C
    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!