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  • Kritik: Langsam und unspektakulär

    «Vera Drake» von Mike Leigh ist ein ungewöhnlicher Film, einer von der Sorte, die es kaum noch gibt. Langsam, ganz langsam entwickelt sich das Geschehen, unspektakulär. Da stapft eine gute Seele durch das Treppenhaus einer Mietskaserne, Typ ältere, korpulente Krankenschwester.

    Für jeden hat sie ein gutes Wort übrig, versorgt kranke Nachbarn, kocht Tee bei jeder Gelegenheit. Dass es sich um einen Engel handelt, weiß der Zuschauer sofort. Auch dass sie Vera Drake heißt, auch dass das Ganze im London der Nachkriegszeit spielt, erfährt er früh - viel mehr aber zunächst nicht. Am 3. Februar läuft der Film in Deutschland an, das Thema heißt Abtreibung, hintergründig und behutsam präsentiert - ein Blockbuster wird er sicher nicht.

    «Vera Drake» hat beim Filmfestival in Venedig im vergangenen Jahr den Goldenen Löwen erhalten, das hindert den Zuschauer aber nicht daran, nach einer Stunde gemächlicher Einleitung ungeduldig hin und her zu rutschen auf dem Kinositz. Dann beginnt die Rotwangige (super gespielt von Imelda Staunton) ganz beiläufig, ihr geheimes Geschäft auszuüben: Mit Seifenlauge und Schlauch spült sie jungen Frauen der Londoner Arbeiterschicht die ungewollte Leibesfrucht aus dem Körper. «Ich drehe Filme über die wahre Welt, wie sie ist», meint Sozialkritiker Leigh («Lügen Geheimnisse», «Auf den Kopf gestellt»).

    Das Besondere, was Leigh glänzend in Szene setzt und der Zuschauer mit ungläubigem Staunen verfolgt: Vera Drake verrichtet ihr Geschäft in der Tat beiläufig, so wie etwa ein plaudernder Friseur ans Werk geht, mit ein paar beruhigenden Worten für die Schwangeren, leichthin, als bereite sie einen Tee zu. Das sind die stärksten Szenen des Films: Weiß sie wirklich nicht, was sie tut? «Abtreibungen sind etwas ganz Alltägliches», kommentiert Leigh. Tatsächlich?

    «In "Vera Drake" konfrontiere ich den Zuschauer mit moralischen Fragen, die jeder Zuschauer für sich beantworten muss», sagt Leigh. Dabei kommt in dem Film einiges zu kurz, etwa wie sich die jungen Frauen dabei fühlen. Aber es gelingt Leigh trotz mancher Schwächen des Streifens doch, Einblicke in ein Problem und in eine Zeit zu präsentieren, die noch gar nicht so lange zurück liegen. Damals stand Abtreibung unter schwerer Strafe und Vergehen wurden tatsächlich geahndet.

    Vor allem, als die Engelmacherin auffliegt, vor der Polizei in (arg ausgedehnte) Weinkrämpfe verfällt, schafft es Leigh, Überzeichnungen zu vermeiden. Auch die Polizeibeamten erscheinen nicht als kalte Monster, nicht als seelenlose Bürokraten des Gesetzestextes - sondern als Menschen, die Vera Drake fast verständnisvoll zuhören, dem Gutmenschen, der kein Geld nimmt für seine Werke. Die Verhöre der Frau gehören denn auch mit zu den stärksten Szenen. «Selbstverständlich wecke ich Sympathie für Vera», sagt der Regisseur. «Aber am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er sich zur Komplexität gesellschaftlicher Probleme verhält.»

    dpa

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