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  • Kritik: Kubricks beunruhigendes Vermächtnis

    Der letzte Film des im März gestorbenen amerikanischen Regisseurs Stanley Kubrick ist ein Meisterwerk, das Bestand haben wird. "Eyes Wide Shut" ist nicht nur die optisch überzeugende Aktualisierung einer faszinierenden literarischen Vorlage, nämlich Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" aus dem Jahr 1925.

    Kubricks Film bereitet auch Irritationen, stellt Fragen, die im Verhältnis und Kampf der Geschlechter zeitlos sind: Was ist eigentlich Liebe, welche Prüfung stellt die freiwillige Gefangenschaft der Ehe dar, wohin treibt uns der Sextrieb?

    Es schadet allerdings auch dem größten Meisterwerk, wenn in solch aufdringlich plumper Weise die Vorerwartungen ins Unermessliche gesteigert werden, wie das bei "Eyes Wide Shut" der Fall gewesen ist.

    Als hätte heute nicht jeder Gelegenheit, sich selbst die härtesten Pornostreifen nach Belieben per Video anzuschauen, wurden absurde Fantasien über "heiße" Sexszenen von den Vermarktungsspezialisten und all den Nachplapperern in den Medien angereizt, die der Film überhaupt nicht einlöst. Wem das missfällt, sollte sich das Geld für die Eintrittskarte sparen. Zumal Kubrick noch eine andere Zumutung bereithält: Er hat einen Film ausschließlich für Erwachsene gemacht.

    Der Schöpfer von "Lolita", "2001" und "Barry Lyndon" hält sich mit seinem Drehbuchautor Frederic Raphael bis auf wenige Handlungsänderungen und den Schauplatzwechsel vom Wien Anfang des Jahrhunderts in das Manhattan an der Schwelle zum neuen Jahrtausend sehr präzise an Schnitzlers knapp 90-seitige Vorlage. In 155 Kinominuten, von denen keine überflüssig ist, begegnen wir dem jungen, offenbar wohlhabenden New Yorker Arzt William Harford und dessen schöner Gattin Alice. Zusammen haben sie ein reizendes Töchterchen, das natürlich zu Hause bleiben muss, als die Eltern zur Party des befreundeten Lebemanns Victor Ziegler aufbrechen.

    Beide wissen noch nicht, dass sie sich an diesem Abend auf eine Reise an den Abgrund ihrer doch scheinbar so harmonischen und glücklichen Beziehung begeben. Beide ahnen noch nicht, dass sie am Ende dieser Reise andere sein werden, nämlich Menschen, die erkennen, dass "die Wirklichkeit einer Nacht, ja nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet", wie es am Ende von Schnitzlers Novelle heißt. Vorerst aber lassen sich beide auf dem eleganten Fest auf harmlose Flirts mit anderen Gästen ein. Doch ein dramatischer Zwischenfall signalisiert die Eskalation der kommenden Ereignisse.

    William und Alice verlassen erotisch erhitzt das Fest, es entwickelt sich ein im Leben des Paares bis dahin unvorstellbares Gespräch. In diesem eröffnet Alice ihrem sichtlich getroffenen Gatten, dass sie im letzten Urlaub der Blick eines Mannes gestreift habe, dem sie trotz Ehe und Familie bedingungslos gefolgt wäre, hätte er nur ein Wort an sie gerichtet. In tiefem inneren Aufruhr folgt William danach einem Notruf in die Wohnung eines plötzlich verstorbenen Patienten. Am Totenbett gesteht ihm dessen Tochter überraschend ihre Liebe, der Arzt entwindet sich ihr nur mit Mühe. Noch davon verwirrt, begegnet er auf der Straße einer Prostituierten und folgt ihr.

    Ein Anruf Alices auf dem Handy verhindert, dass er sich auf den gekauften Sex auch einlässt. Doch der Besuch einer Bar und die Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten, der sich nun als Jazzpianist über Wasser hält, bringt ihn nach einer absurden Episode im Kostümverleih als Eindringling auf ein geheimnisvolles Maskenfest, das zu einer bizarren Orgie ausartet. Um diese Szenen hat es im prüden Amerika viel unsinnige Aufregung gegeben. Wie brillant das inszeniert ist, davon war allerdings kaum die Rede. Eine betörende Nackte warnt William, er müsse das Fest verlassen, weil ihm große Gefahr droht.

    Als er das ignoriert und er von den männlichen Maskenträgern entlarvt wird, rettet ihn die Nackte und opfert sich - indem sie sich allen hingibt. Der Arzt aber ist allen Versuchungen knapp entronnen und kehrt heim zu seiner schlafenden Frau. Am nächsten Tag beginnt er seine Nachforschungen über das ungeheuerliche Geschehen der Nacht und trifft auf Krankheit, Tod und zynische Verderbtheit. Unter Tränen erzählt er alles Alice, ihr gepflegtes Puppengesicht löst sich nun auf und wird das einer wissenden Frau.

    Das Star-Ehepaar Tom Cruise und Nicole Kidman mögen nicht die alternativlose Besetzung für die Hauptrollen gewesen sein. Insbesondere Cruise hat darstellerische Grenzen, seine Frau spielt ihn teilweise an die Wand. Aber Kubrick hat während schier endloser Drehwochen das Maximale aus diesen populären Schauspielern Hollywoods herausgeholt. Beide wissen sehr genau, wem und warum sie so viel Zeit ihrer Karriere dargebracht haben. Denn sie haben nie in einem besseren Film mitgewirkt und werden es vielleicht auch nie mehr tun.

    Ihnen werden in diesem hocherotischen, tiefgründigen Film dieselben bohrenden Fragen gestellt wie jedem einzelnen Zuschauer - die Fragen nach dem Wesen der Liebe, der Ehe, der Sexualität, des Lebens. Kubrick konnte unmittelbar nach Beendigung der Arbeit an diesem Film beruhigt sterben, denn sein Werk, das er lange mit sich trug, ist gelungen. Wir aber müssen und sollten uns jetzt von seinem filmischen Vermächtnis beunruhigen lassen.

    Wolfgang Hübner, AP

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