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  • Kritik: Kubrick in Deutschland unzensiert

    Knapp zwei Monate nach der Weltpremiere in New York läuft Stanley Kubricks letzter Film "Eyes Wide Shut" auch in Deutschland an. Der erotisch und psychologisch faszinierende Streifen mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen war schon vor der Uraufführung von Legenden umwoben.

    Auch in seiner deutschen Synchronfassung verliert Kubricks mehr als zweieinhalbstündiger Film, der in den USA als Meisterwerk gefeiert wird, nicht an Eindringlichkeit. Auch die Massenorgie wird im Gegensatz zur von Kubrick im Nachhinein entschärften amerikanischen Version vollständig gezeigt. Pornografisch ist der Film dennoch nicht. Der Film räumt auch mit wilden Spekulationen um echte Sexszenen zwischen Cruise und Kidman, die auch im richtigen Leben ein Ehepaar sind, auf.

    Nach den Motiven aus Arthur Schnitzlers spielt der Film im heutigen New York. Cruise und Kidman als Bill und Alice mimen ein gut situiertes Ehepaar mit kleiner Tochter. Wie weit die Vorstellungen der beiden über Liebe und Sexualität auseinander gehen und wie sie auf unterschiedliche Art mit ihren unterdrückten Begehren umgehen, offenbart sich schon zu Beginn. Sie, provozierend lasziv, lässt sich auf einer Weihnachtsfeier bei ihrem gemeinsamen Freund Ziegler (Sidney Pollack) fast auf ein sexuelles Kurzabenteuer mit einem ergrauten Lebemann (Sky Dumont) ein, während sich Bill beinahe von zwei Models abschleppen lässt. Seine Gedanken, Sehnsüchte und Begehren verbirgt er hinter einer Maske der Teilnahmslosigkeit.

    Aufgeheizt von einem Joint, offenbart Alice ihrem Mann im heimischen Schlafzimmer nicht nur die beinahe eingegangene Affäre. Bis ins kleinste Detail schildert sie ihm ihre Sehnsüchte, die ein unbekannter Marineoffizier in ihr geweckt hat.

    Für den Arzt stürzt eine Welt zusammen. Getrieben von fast wahnhaften Vorstellungen über den mentalen Seitensprung seiner Frau, streift er verwirrt durchs nächtliche New York und landet zunächst bei einer Prostituierten. Zum Akt kommt es nicht, in keiner der verfänglichen und erotischen Szenen, in die er fortan auf der Suche nach sich selbst schlittert. Durch einen Freund, der in einer Bar Piano spielt, erfährt er von einer geheimnisvollen Vereinigung, die sich immer an verschiedenen Orten anonym zu sexuellen Spielen trifft. Besessen von der Idee, besorgt sich der Arzt mitten in der Nacht eine Maskierung und macht sich auf den Weg in ein nachgebautes, prunkvolles Schloss außerhalb New Yorks. Alle Männer und Frauen sind maskiert. Die Männer tragen dunkle Capes mit Kapuze, die Frauen sind bis auf die Maske nackt.

    Die Orgie hat mit "Vergnügen" nicht das Geringste zu tun. Hier geht es um beängstigende Rituale, deren Düsterheit noch durch schwere Orgel- und Pianoklänge unterstrichen wird. Auch als der Arzt von einer Frau gewarnt wird, dass er sich sogar in Lebensgefahr befindet, bleibt er an dem düsteren und geheimnisvollen Ort, voller Angst und fasziniert zugleich. Als Eindringling entdeckt, muss er sich am Schluss enttarnen.

    Hier baut Kubrick eine fast unerträgliche Spannung auf. Maskieren und Demaskieren, gelebter Traum und geträumte Wirklichkeit offenbaren wahre Abgründe. Kubrick nutzt die Nacktheit immer wieder als Stilmittel, um erotische Sehnsucht und gleichzeitig ihre Unterdrückung zu unterstreichen. Seine imaginäre Maske verliert Bill schließlich, als ihm Alice von einem Albtraum erzählt. Ausführlich schildert sie ihm ihrerseits eine Orgie im Traum und wie sie ihn am Ende entsetzlich demütigt.

    Kubrick, schon in früheren Filmen wie "The Shining" ein Meister der Spannung, schafft es auch hier, dass die Ereignisse der nächsten Minuten und Sekunden nie vorhersehbar scheinen. Kubrick starb wenige Tage nach der Fertigstellung des Films im März im Alter von 70 Jahren.

    Herdis Lüke, dpa

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