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  • Kritik: Komödie über Clintons Trieb und Triebe zur Macht

    Frankfurt/Main - "Mit aller Macht" ist ein Volltreffer in das System amerikanischer Politikerkarrieren. John Travolta und Emma Thompson sind den Clintons, die im Film Stanton heißen, zum Verwechseln ähnlich und geben eine Vorstellung davon, was bei dem Präsidenten und seiner Frau abläuft, wenn die Kameras nicht zusehen. Der Film hält Abstand zu den aktuellen Skandalgeschichten Bill Clintons, denn er zeigt den ersten Wahlkampf des Südstaaten-Gouverneurs aus dem Jahr 1992.

    Die Politkomödie, die am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, bringt etwas Paradoxes zuwege: Er karikiert die Schwächen eines Politikers wie Clinton, aber er verteidigt sie zugleich auch. Regisseur Mike Nichols hat erklärt: "Unter anderem wollte ich ausdrücken, daß wir unsere Führer so akzeptieren müssen, wie sie sind. Man kann nicht nur Größe von ihnen erwarten; sie haben auch Gelüste."

    Die Sexszenen des machtbesessenen Gouverneurs Jack Stanton werden im Film wie in der Romanvorlage nur angedeutet. Der Autor Joe Klein, der das Buch 1996 unter dem Pseudonym Anonymus herausgebracht hat, hat den jungen Wahlkampfmanager, der die Geschichte erzählt, als bekennenden "Politjunkie" gezeichnet. Im Film jedoch ist er unerfahren und voller Idealismus.

    Henry Burton, Enkel eines berühmten schwarzen Bürgerrechtlers, will dem noch ziemlich unbekannten Stanton helfen, sich bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei als Präsidentschaftskandidat durchzusetzen. Fasziniert von Charisma, Einfühlungsvermögen und Überzeugungskraft dieses Politikers ist er fest davon überzeugt, daß Stanton als Präsident wirklich etwas für die sozial benachteiligten Menschen ändern könnte.

    Schon am Tag nach der entscheidenden Begegnung sieht Henry irritiert, daß Stanton die Nacht mit einer Lehrerin, die er gerade kennengelernt hat, verbracht hat. Und bald behauptet die Friseuse seiner Frau öffentlich, ein Verhältnis mit dem Gouverneur gehabt zu haben. Später muß Henry von einem mit Stanton befreundeten Barbecue-Wirt hören, die minderjährige Tochter sei von dem Gouverneur schwanger. Auch über das Vertuschen einer Verhaftung Stantons bei einem Vietnam-Protest dringt etwas an die Öffentlichkeit.

    Um weiteren Enthüllungen vorzubeugen, wird eine langjährige Weggefährtin der Stantons, Libby Holden, engagiert. Die dicke Lesbe sieht aus wie eine Dampfwalze, spricht schonungslos direkt und scheut sich nicht, einem Mann mit einem Revolver an seinen empfindlichsten Teilen zu einem Geständnis zu zwingen. Kathy Bates brilliert oscarverdächtig in dieser Paraderolle.

    Trotz mancher Rückschläge schlägt Stanton mehrere Konkurrenten für die Präsidentschaftskandidatur aus dem Feld. Doch dann tritt Gouverneur Freddy Picker (Larry Hagman) an, der genau spürt, was die Wähler erwarten. Libby Holden hat früher für ihn gearbeitet und soll Belastungsmaterial gegen ihn beschaffen. Sie stößt tatsächlich auf eine dunkle Vergangenheit Pickers, fordert aber von Stanton, es nicht zu verwenden. Denn nach ihrer Ansicht würde er damit seine Ideale von einst verraten.

    In "Mit aller Macht" haben alle Politiker irgendwo Dreck am Stecken, es wird manipuliert, getrickst, getäuscht, gelogen und betrogen. Politische Inhalte spielen auch nur eine taktische Rolle im Machtspiel. Popularität ist das, was zählt. Picker gewinnt bei den Wählern, indem er einem schwerkranken Parteifreund Blut spendet.

    Das Ganze ist von Kameravirtuose Michael Ballhaus schwungvoll in Szene gesetzt und höchst unterhaltsam mit mokanten bis satirischen Untertönen erzählt. Doch der Film gibt Clinton nicht der Lächerlichkeit preis. Stanton erklärt Henry am Ende, wenn dessen Illusionen den Bach 'runtergegangen sind: "Wir leben unser Leben mit einem falschen Lächeln im Gesicht - und warum? Weil das der Preis dafür ist, an der Spitze zu stehen... Sie wissen genausogut wie ich, wie viele von uns dieses Spiel spielen, ohne einen Gedanken an die Menschen zu verschwenden."

    In den USA hat der im März angelaufene Film (Originaltitel "Primary Colours") nur 45 Millionen Dollar eingespielt; 65 Millionen hat er gekostet. Das mag mit einer Übersättigung an Medienberichten über die Monica-Lewinsky-Affäre des Präsidenten zu tun haben oder aber mit enttäuschten Erwartungen an den Film. Ein Zeichen dafür ist, daß die Szene, in der Stantons Ehefrau Henry zum Sex verführt, nach Testvorführungen, bei denen das Publikum irritiert reagiert haben soll, herausgeschnitten wurde.

    Das erhellende Lehrstück über den Trieb zur Macht funktioniert aber auch ohne die Nähe zur Realität. Um dies deutlicher werden zu lassen, hätte vielleicht doch Tom Hanks, den Nichols zunächst vorgesehen hatte, Stanton spielen sollen. Wer genau hinsieht, wird aber in Travoltas Stanton nicht nur Clinton erkennen. Er gibt der Figur Dimensionen, die man bei Clinton nur erahnen kann, und zeigt mit dieser Wandlungsfähigkeit einmal mehr große Klasse.

    Inge Treichel, AP

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