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  • Kritik: Komödie mit Feuerwerk

    Müßiggang mag aller Laster Anfang sein, bei Oscar Wilde jedoch ist er unabdingbare Voraussetzung, um das Getriebe der Gesellschaft in Ruhe zu beobachten und mit einer Ironie zu beschreiben, ohne die die Welt um einiges ärmer wäre. So auch in der am 12. September anlaufenden Komödie "Ernst sein ist alles", in der wieder einer von Wildes spätviktorianischen Dandys seinen geistreichen Senf zu allem und jedem abgibt.

    Wie sich das so gehört, ist Algy Moncrieff höchst elegant und eine Zierde jeder Gesellschaft, aber dauernd pleite. Immer dann, wenn ihm seine Gläubiger zu nahe kommen, weilt der charmante Schwerenöter angeblich bei seinem schwer kranken Freund Ernst auf dem Land, denn "bei Dingen von größter Wichtigkeit zählt Stil, nicht Aufrichtigkeit".

    Amüsantes Verwirrspiel

    Der ominöse Ernst ist aber genauso fiktiv wie der Bruder von Algys bestem Kumpels Jack Worthing, der seinerseits auf dem Land lebt und dort sein Mündel, die hübsche junge Cecily, hütet. Wenn Jack Stadtluft schnuppern will, fährt er angeblich zu seinem in finanziellen Nöten steckenden Bruder, dessen Name ebenfalls Ernst lautet.

    Das Doppelleben von Algy und Jack geht so lange gut, bis sich Jack in Algys Cousine Gwendoline verliebt. Und als Algy, angestachelt von Jacks Beschreibung von Cecily, zu Jacks Schloss reist und Cecily als Jacks Bruder Ernst seine Aufwartung macht, verselbstständigt sich das Verwirrspiel aufs amüsanteste.

    Doppeldeutigkeit am Ende

    Nacheinander gelangen Jack, Gwendoline und ihre imposante Mutter Lady Bracknell auf das Landgut, wo auch der Pfarrer und Cecilys Hauslehrerin verliebt umeinander streichen. Die explosive Gemengelage führt zu einem Feuerwerk an Pointen, Aphorismen und zynischen Bonmots: "Alle Frauen werden wie ihre Mütter - das ist ihre Tragödie; Männer nicht, das ist ihre."

    Und für das Happy End spart Oscar Wilde noch eine ganz besondere Doppeldeutigkeit auf. Ist doch Jack Worthing ein adoptiertes Findelkind, dass in einer Tasche - "eine Tasche!" ruft empört die standesbewusste Schwiegermutter in spe, Lady Bracknell - gefunden wurde.

    Rollen wie angegossen

    Rupert Everett hat schon in der ersten Oscar-Wilde-Verfilmung von Regisseur Oliver Parker, "A Perfect Husband", mitgespielt. Als Dandy vom Dienst übertreibt er es diesmal ein wenig mit den blasierten Grimassen. Auch die kesse Amerikanerin Reese Witherspoon schafft es nicht wirklich, den Typus einer behüteten höheren Tochter zu treffen. Dennoch passen Everett und auch Colin Firth und Judi Dench, zwei weiteren britische Charakterdarsteller, ihre Rollen wie angegossen, und es bereitet höchstes Vergnügen, ihren höflichen, präzise formulierten Gemeinheiten zuzuhören.

    Mit kurzen Rückblenden, Traumsequenzen und ländlich-bukolischen Kulissen hat Parker Wildes Sprechstück etwas aufgepeppt. Aber eigentlich kann bei solchen Schauspielern und dieser luftig-geistreichen Vorlage nicht viel schief gehen: Noch mehr als "Ein perfekter Ehemann" ist diese Wilde-Verfilmung ein vergnügliches Gehirn-Jogging, bei dem die kleinen grauen Zellen mächtig arbeiten müssen, um allen raffinierten Spott zu kapieren.

    Bittere Ironie für Oscar Wilde

    Die bitterste Ironie dieses erfolgreichsten Theaterstücks von Wilde liegt gewiss darin, dass wenige Monate nach der Uraufführung Wildes eigenes Doppelleben entlarvt und er der Unsittlichkeit angeklagt wurde. Und wenn man erfährt, das "Earnest" (Originaltitel: "The Importance of Being Earnest"), im englischen Volksmund "schwul" bedeutete, bekommt Algys und Jacks nie näher definiertes Lotterleben in der Stadt erst seinen tieferen Sinn.

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