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  • Kritik: Komiker Robin Williams mit leisen Tönen

    Jakob Heym ist in besseren Tagen ein freundlicher Kartoffelpufferbäcker gewesen. Doch Jakob ist Jude im Polen des Jahres 1944. Mit tausenden Leidensgenossen eingepfercht im Warschauer Ghetto, ist er der Willkür der deutschen Besetzer ausgeliefert.

    Eines Tages, wegen einer angeblichen Unpünktlichkeit aufs Gestapo-Revier bestellt, kehrt er von dort mit einer wunderbar hoffnungsvollen Nachricht in das Ghetto zurück: Die Wehrmacht, das hat er aus einer mitgehörten deutschen Radiomeldung erfahren, ist in der Sowjetunion auf dem Rückzug.

    Schnell verbreitet sich die Neuigkeit unter den gequälten und gedemütigten Juden, Jakob gilt plötzlich als Held. Aber um ein solcher zu bleiben, muss der gutmütige Mann den Eindruck zulassen, verbotenerweise ein Radio zu besitzen. Von da ab versorgt er die begierigen Ghetto-Insassen mit weiteren positiven, doch einzig seiner Fantasie entspringenden Berichten über die Kriegslage. Jakob ist nicht wohl dabei, aber er muss schon deshalb weiter flunkern, weil die hohe Selbstmordrate der verzweifelten Menschen wegen seiner frohen Nachrichten schlagartig absinkt.

    "Jakob, der Lügner" heißt der von dem französischen Regisseur Peter Kassovitz inszenierte US-Film, der am 28. Oktober in den Kinos anläuft. Es ist die zweite Verfilmung des bekanntesten Romans von Jurek Becker, dem verstorbenen deutsch-polnischen Schriftsteller und Drehbuchautor. In der DDR wurde die Tragikomödie des Kartoffelpufferbäckers 1974 zum ersten Mal auf die Leinwand gebracht. Damals inszenierte Frank Beyer die Geschichte und schuf damit den einzigen DDR-Film, der je mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde.

    Lange vor den erfolgreichen Holocaust-Streifen "Schindlers Liste" oder "Das Leben ist schön" zeigte Beyer, wie ein schwieriges Thema unterhaltsam, doch nie seicht und ohne falschen Tone filmisch geformt werden konnte. Seinerzeit faszinierte Vlastimil Brodsky in der Titelrolle, nun hat den Part ausgerechnet Hollywoods Starkomiker Robin Williams inne. Aber Williams, der schon früher ab und zu in ernsteren Rollen zu sehen war, spielt angenehm zurückhaltend und lässt den Betrachter die Tragik, aber auch die stille Größe und den unerschütterlichen Humor dieses Jakobs mitempfinden. Williams war der Film so wichtig, dass er auch als ausführender Produzent fungiert.

    Die Nebenrollen sind mit profilierten Darstellern wie Alan Arkin, Bob Balaban und Liev Schreiber gut besetzt. Der schon seit Jahren nur noch in Hollywood arbeitende Armin Mueller-Stahl als jüdischer Herzspezialist Dr. Kirschbaum ist der einzige Mitwirkende der Neuverfilmung, der auch schon 1974 mit von der Partie war. Er wird besser als alle anderen Beteiligten wissen, dass Beyers ergreifender, formal in seiner realistischen Märchenhaftigkeit sehr schlüssiger Film eigentlich nicht übertroffen werden konnte.

    Die Neufassung macht mit Ausnahme der fragwürdigen Schluss-Szene, die sich wohl dem erhofften, tatsächlich jedoch nur spärlich geströmten amerikanischen Publikum anzubiedern sucht, nichts wirklich falsch. Die Drehorte Lodz und Budapest geben "Jakob, der Lügner" genug Atmosphäre, um das Grauen jener Jahre ahnen zu können. Beckers Geschichte ist ohnehin so kraftvoll, um noch weitere Verfilmungen auszuhalten. Aber es gibt eben eine, nämlich jene erste aus der DDR, die gültig ist und bleiben wird. Es wäre viel einfacher gewesen, sie zu synchronisieren.

    In Deutschland gibt es noch nicht einmal das Problem. Aber dafür ein anderes: Warum sollen wir uns diese Verfilmung aus Amerika anschauen, da wir doch mit dem Tag der Wiedervereinigung auch den großartigen Film von Frank Beyer nach dem Roman von Jurek Becker als gemeinsames kulturelles Erbe in Besitz genommen haben. Es gibt nicht viele Hinterlassenschaften des verblichenen Staates, über die man so froh sein kann. Aber wenn sie nicht gezeigt werden, erfahren wir manchmal erst über solche Umwege von ihnen. Das ist eigentlich fast so traurig wie die Geschichte von Jakob.

    Wolfgang Hübner, AP

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