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  • Kritik: Kluft zwischen Arm und Reich

    Aufrütteldende Erinnerung

    Vor vier Jahren schockierte er mit der dramatischen Liebesgeschichte zweier Teenager-Mädchen in "Raus aus Amal". Der neue Film, "Lilja 4-Ever", erzählt vom brutalen Alltag der 16-jährigen Russin Lilja irgendwo in Estland.

    Liljas Mutter lernt einen Exil-Russen aus den USA kennen und entflieht der verwahrlosten Plattenbauruine. Ihr Versprechen, Lilja (Oksana Akinschina) später abzuholen, löst sie natürlich nie ein. Das Mädchen bleibt im Nichts zurück - ohne Geld, ohne Job, ohne Hoffnung. Moodysson lässt kaum ein Klischee zum Alltag am Rande der postkommunistischen Welt aus: Die tatsächlich existierende Plattenbausiedlung sieht noch schlimmer aus als westliche Slums, die Teenager, eigentlich noch Kinder, saufen Wodka aus der Flasche, berauschen sich an Klebstoff-Ausdünstungen, gehen auf den Strich statt zur Schule - und dabei betet Lilja abends vor einem billigen Heiligenbild.

    Schließlich verspricht ihr ein netter flüchtiger Bekannter einen Job in Schweden, das ein Paradies zu sein scheint. Um das Angebot anzunehmen, lässt nun Lilja selbst den zwei Jahre jüngeren Wolodja (Artjom Bogutjarski) zurück, der in sie hoffnungslos verliebt ist und ihr selbst wie ein kleiner Bruder ans Herz gewachsen ist. Und dann, nach mehr als einer Stunde des Films, bekommt man eine Ahnung, worauf Moodysson eigentlich hinaus wollte: Schweden offenbart Lilja das gleiche Elend wie ihr trostloses Zuhause - selbst äußerlich ähnelt sich die Gegend, nur das im Westen die Fassaden natürlich gepflegter sind.

    "Für mich ist der Film nicht über Russland oder Schweden", sagte der 34-jährige Moodysson in einem Interview. "Für mich geht es um die Kluft zwischen Arm und Reich, neben anderen Sachen - und mit Reich meine ich nicht unbedingt Schweden und mit Arm nicht unbedingt Russland." Kinder und Teenager seien manchmal extrem verwundbar, sagt er. "Ich fühle mich verantwortlich für die Dinge, die in der Welt geschehen."

    Die deutsche Fassung ist komplett synchronisiert, im Original sprachen die Schauspieler Russisch. "Ich kann nicht garantieren, dass sie sich an den Text hielten", sagt der Regisseur, der selbst nur einige Worte Russisch kann. Aber nachdem der erste Drehtag mit vorgeschriebenen Dialogen enttäuschend verlief, habe er sie einfach frei Reden lassen. "Es war das komplette Chaos - und dann habe ich beschlossen, das Chaos walten zu lassen."

    Viele Szenen sind mit einer verwackelten Handkamera gedreht und erinnern an ein Heimvideo. Grau und Schwarz sind die dominierenden Farben, gelegentliche Farbtupfer unterstreichen nur die Dominanz der Dunkelheit. Nachdem Moodysson in seinem zweiten Film "Zusammen" vor zwei Jahren noch mit einer gewissen Leichtigkeit das Kommunenleben im Skandinavien der 70er Jahre zeigte, ist "Lilja 4-Ever" ein schwermütiger, gnadenloser Film geworden, eine aufrüttelnde Erinnerung an die Menschen, die nie eine Chance hatten.

    Von Andrej Sokolow, dpa

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