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  • Kritik: Kleine Zeitreise in die 80er

    1986, vor fast 20 Jahren, ging ein Aufschrei durch die Republik: In der US-Serie «Dallas» starb Ölprinz Bobby Ewing. Einige Folgen später erwies sich das glücklicherweise als böser Traum.

    Dagegen war die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl im gleichen Jahr ein bleibender Albtraum. Im Spannungsfeld dieser beiden Ereignisse spielt der mit dem diesjährigen Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete Debütfilm «Am Tag als Bobby Ewing starb» von Lars Jessen.

    1986 war die große Zeit der Anti-Atomkraftbewegung schon vorbei. Die legendäre Anti-Brokdorf-Demonstration lag fünf Jahre zurück und der Geist der 68er lebte nur noch in einigen Reservaten fort. In ein solches, nämlich eine kleine Landkommune in der Wilstermarsch nahe dem Kernkraftwerk Brokdorf, führt Jessens mit Peter Lohmeyer, Nina Petri und Richy Müller hochkarätig besetzte filmische Zeitreise.

    Gewaltfreier Widerstand, Schrei-Therapie, gemeinschaftliches Nacktbaden - das alles liefert an sich noch wenig brisanten Stoff. Was aber passiert, wenn ein Jugendlicher aus bürgerlichem Umfeld von heute auf morgen von seiner allein erziehenden Mutter (Gabriela Schmeide) zu den «Müslis» zwangsversetzt wird und gar keine Lust hat auf Wollsocken, Endlos-Diskussionen und Beziehungsexperimente?

    Was dem 17-jährigen Niels (Franz Dinda) auf der Leinwand widerfährt, hat Jessen (Jahrgang 1969) als Kind am eigenen Leib erfahren. Ende der 70er Jahre zog seine Mutter mit ihm in eine friedensbewegte Landkommune im schleswig-holsteinischen Eggstedt. «Drei Jahre lebten wir dort - und für mich war es alles andere als lustig», erzählt der Regisseur. «Die Szene, als Niels im Film seine Mutter beim Sex erwischt, so was hab ich auch erlebt. Der hat sogar Strichliste geführt...»

    Diese Kindheitserlebnisse hat Jessen nun auf durchaus humorvolle Weise in seinem Film verarbeitet. Sechs Jahre hat der 36-Jährige, der bislang vor allem beim «Großstadtrevier» Regie führte, für die Umsetzung gebraucht. In der Zwischenzeit lernte er beim Fußballspielen im Hamburger Jenischpark Peter Lohmeyer («Das Wunder von Bern») kennen. «Vom Thema war ich sofort begeistert», berichtet Lohmeyer. «Da hatte sich jemand mit großem Engagement um einen Teil deutscher Geschichte gekümmert, der eben nicht schon 60 Jahre zurück liegt.»

    Doch erst als der junge Regisseur vor eineinhalb Jahren seine eigene Geschichte stärker ins Drehbuch einfließen ließ, konnte er Lohmeyer überzeugen. Der 43-Jährige spielt den langmähnigen Kommunen-Guru Peter. Die Vorlage für diese Rolle lieferte der ehemalige Liebhaber von Jessens Mutter. «Ich musste aufpassen, dass mir die Figur im Film nicht zu negativ gerät», sagt Jessen. Neben der ironisch-distanzierten Vergangenheitsbewältigung wollte der gebürtige Kieler, der auch lange im norddeutschen Meldorf lebte, einen «Heimatfilm im ganz positiven Sinn» machen. Davon zeugen stimmungsvolle Aufnahmen von Mofa-Fahrten auf dem Deich mit dem AKW Brokdorf im Hintergrund, aber auch Szenen von «Küstennebel»- und Dosenbier-Trinkgelagen der Dorfjugend.

    Insgesamt ist Jessen ein Film ohne spürbare bittere Untertöne gelungen; gekonnt mit den Klischees spielend und mit ausgesprochener Liebe zum Detail (bis zu den Unterarmtoupets der weiblichen Kommunarden). «Sicher kann es Leute geben, die sich fragen, ob wir sie veralbern wollen», räumt Lohmeyer ein. «Aber ich hoffe, die Leute lachen über sich, wenn sie sich wiedererkennen.»

    dpa

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