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  • Kritik: Kleinbürger zerbricht am Rechtsstaat

    Meine Firma, mein Haus, meine Frau, meine Geliebten - Bernd Willenbrock geht es gut. Der Autohändler aus Magdeburg ist längst angekommen im wiedervereinigten Deutschland.

    Auf der Überholspur saust Willenbrock in seinem BMW zwischen den Bezugspunkten seines Lebens hin und her und fühlt sich pudelwohl. Bis ein Überfall alles auf den Kopf stellt. Die als selbstverständlich empfundene Sicherheit zerrinnt dem erfolgreichen Geschäftsmann zwischen den Fingern. Da Polizei und Gericht nicht helfen, greift der einstige Wehrdienstverweigerer selbst zur Pistole.

    Den Erosionsprozess der eigenen Identität setzt Andreas Dresen in seinem neuen Film «Willenbrock» meisterhaft und in immer düsteren Farben in Szene. Mit der Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von Christoph Hein bleibt der Potsdamer Regisseur seinem Thema der subtilen Gesellschaftskritik treu.

    Willenbrock geht plötzlich durch die Kleinbürgerhölle, weil der Rechtsstaat sich als ignorant und hilflos erweist. Die Wandlung des früheren DDR-Bausoldaten zum Vertreter der Selbstjustiz führt Dresen in manchmal schmerzhafter Intensität und dennoch humorig vor Augen.

    Wieder ist der Schauplatz der Osten Deutschlands. Doch anders als die «Nachtgestalten» (1999) oder die beiden Ehepaare in «Halbe Treppe» (2002) ist der ehemalige DDR-Ingenieur ein Wendegewinner. Axel Prahl (Halbe Treppe) spielt den hemdsärmeligen Selfmademan und Provinz-Don-Juan überzeugend voll leicht verlegenem Charme. Ohne Gewissensbisse pendelt Willenbrock zwischen seiner devoten Frau Susanne (Inka Friedrich) und seiner Geliebten Vera - einer lässigen Professorin (Dagmar Manzel) - denn der Erfolg will sexuell ausgekostet werden.

    Liebevoll zeichnet Dresen seine Figuren mit all ihren Schwächen und Hoffnungen. So gehört es zum Sinn für Ökonomie des Geschäftsmanns, das von der Geliebten verschmähte Parfüm einfach an die Frau als Aufmerksamkeit weiterzureichen.

    Als Diebstähle auf seinem Autogelände die Idylle trüben, nimmt Willenbrock die Vorboten der Krise nicht besonders ernst. Er stellt Nachtwächter Fritz (Thilo Prückner) ein. Wunderbar fügt sich, dass der eine attraktive Tochter hat, der Willenbrock bald erfolgreich nachstellt. Der Gunst der Literaturstudentin (Anne Ratte-Polle) hilft der Pragmatiker mit einem Alfa Romeo auf die Sprünge.

    Das angenehme Leben bricht schlagartig zusammen, als Willenbrock und Susanne in ihrem Wochenendhaus überfallen werden. Obwohl beide den Einbruch relativ glimpflich überstehen, kann Susanne den Eingriff in ihre Privatsphäre nicht vergessen. Angst sickert in den Alltag ein. Obwohl Willenbrock in gewohnter Manier mit Alarmanlage und besänftigenden Sprüchen die Gefahr bannen will, löst sich langsam nicht nur die Beziehung zu Susanne auf - auch die Geschäfte laufen nicht mehr.

    Die Verunsicherung greift auf Willenbrock über, als die Polizei die russischen Einbrecher auf freien Fuß setzt, weil er sie nicht sicher identifizieren kann. Für den Autohändler gerät eine Säule der demokratischen Grundordnung ins Wanken: Der Rechtsstaat zeigt sich hilflos bei Bagatelldelikten und lässt den Bürger allein.

    Die Pistole eines russischen Großkunden verleiht dem selbst aus den Fugen geratenen Willenbrock trügerische Sicherheit. Er bleibt allein zurück, Susanne trennt sich. Dennoch lässt Dresen getreu der Romanvorlage das Drama nicht im Untergang enden. Willenbrock kommt ungeschoren davon, als er einen Mann, der sich an seinem Auto zu schaffen macht, mit einem Schuss niederstreckt. Auch Susanne kehrt zurück.

    dpa

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