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  • Kritik: Klaus Kinski, sein letzter Film

    Kein anderer deutscher Schauspieler nach 1945 hat sich so verrückt gebärdet wie Klaus Kinski. Kein anderer führte sich mit solcher Lust als rüpelhaftes Genie auf wie der 1926 in Zoppot geborene Nikolausz Günther Naksynski, der unter seinem weltberühmt gewordenen Künstlernamen 1991 starb.

    Kein anderer Regisseur hat die unberechenbaren Launen Kinskis mehr erleiden müssen als der sensible Filmschöpfer Werner Herzog. Kein anderer als Herzog hat allerdings so profitiert von einem Darsteller, der auch bizarrste Rollen mit einem Charisma verkörperte, über das kein anderer auch nur annähernd verfügte.

    Am 7. Oktober kommen gleich zwei Filme in die Kinos, in denen sich alles um Kinski dreht. Das hätte dem blonden Star mit der faszinierenden Stimme sicher gefallen. Und einen dieser beiden Filme hat er ohnehin kurz vor seinem Tod 1988 selbst gedreht: "Kinski Paganini". Erstmals ist dieses merkwürdige Werk, in dem der Schauspieler nicht nur den legendären Geigenvirtuosen Nicolo Paganini spielte, sondern auch Regie führte, das Drehbuch schrieb und gar den Schnitt besorgte, auf deutschen Leinwänden zu sehen. Doch für mehr Diskussionen wird gewiss Werner Herzogs von einer einzigartigen Hassliebe gezeugte Dokumentation "Mein liebster Feind" sorgen.

    Fünf Filme hat Herzog mit Kinski gedreht, darunter jene zwei, die beiden Künstlern ganz besonderen Ruhm, aber auch den Ruf exzentrischer Selbstverwirklichung eingebracht haben: "Aguirre oder der Zorn Gottes" 1972 und "Fitzcarraldo" aus dem Jahr 1981. Die Dreharbeiten zu diesen Streifen fanden in Südamerika statt und sie müssen, das zeigen die Originalaufnahmen, teilweise im offenen Kriegszustand zwischen dem Regisseur und seinem Protagonisten verlaufen sein.

    Als Kinski in der Endphase der Arbeiten für "Aguirre", jenen spanischen Eroberer des 16. Jahrhunderts auf der Suche nach dem sagenhaften El Dorado, im Jähzorn auf und davon will, das ganze Projekt also zu platzen droht, kommt es zu einer dramatischen Szene jenseits von Drehbuch und Kino. Herzog geht zu dem rasenden Genie und beschwört es: "Der Film ist wichtiger als unsere persönlichen Gefühle - und ist wichtiger als überhaupt unsere Personen." Und er erinnert sich: "Ich sagte ihm, ich habe ein Gewehr, er würde höchstens die nächste Flussbiegung erreichen, und da würde er acht Kugeln durch den Kopf haben, und die neunte wäre für mich".

    Ein anderes Mal bieten die als Statisten mitspielenden Indianer dem vor ihren Augen gedemütigten Herzog an, diesen brüllenden, immer wieder außer Kontrolle geratenden weissen Wüterich umzubringen. Herzog lehnt das Angebot natürlich ab. Denn er weiß, und sein Film lässt darüber keinen Zweifel, wie sehr er diesen Schauspieler braucht für seine Werke, die ja gleichfalls maßlos und so verrückt sind - wie bei "Fitzcarraldo" -, ein großes Schiff unter großen Strapazen und wider alle Vernunft über einen Dschungelberg schleifen zu lassen. Hier haben, auch das dokumentiert "Mein liebster Feind", sich zwei gefunden, die für einander bestimmt waren.

    Bereits als 13-Jähriger hatte Herzog in München die Bekanntschaft des schon seinerzeit für seine Unberechenbarkeit bekannten Jungschauspielers gemacht Der schlug mal eine Badeeinrichtung kurz und klein, mal folterte er sich mit nächtelangen Sprechübungen. Kinski war nämlich ungeachtet seiner Exzentrik ein hart an sich arbeitender Könner und Profi der Sonderklasse. Das bestätigen in eindrucksvoller Weise auch seine früheren Filmpartnerinnen Eva Matthes und Claudia Cardinale, die dazu einen sensiblen, rührend fürsorglichen Mann und Kollegen in Erinnerung behalten haben.

    Die gespaltene Persönlichkeit Kinskis offenbart sich insbesondere in dem einzigen Film, in dem er Regie führte und der sein in Deutschland noch nie gezeigtes Vermächtnis wurde: "Kinski Paganini". Er handelt vom wüsten, sexuell ausschweifenden Leben des grundhässlichen italienischen Virtuosen, der die Frauen mit seinem Violinspiel in Verzückung trieb. Wie bereits der Titel klar macht, identifiziert sich der Mime vollständig mit dem toten Virtuosen.

    Kinski, der sich nur allzu gern seiner erotischen Umtriebe rühmte, zeigt das auf peinlichste Weise. Doch es gibt auch bewegende Stellen in diesem nicht ganz zu Unrecht nach der Premiere in Paris in den Archiven verschwundenen Film. In ihnen sehen wir einen Mann, der voller Liebe an seinem kleinen Sohn hängt, dem Bigotterie und bürgerliche Moral zuwider sind. Am stärksten berührt indessen die Todesangst im Blick des schwer kranken Paganini, der elend stirbt. Wir wissen nun, dass es die Todesangst des alternden Schauspielers war, der bald nach dieser letzten, radikalen und radikal missglückten Selbstverwirklichung einsam in einer kalifornischen Hütte an Herzversagen starb. Herzog hat ihm ein spätes Denkmal gesetzt.

    Wolfgang Hübner, AP

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