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  • Kritik: Kinostart 24. Oktober: "Die Bettlektüre" von Greenaway

    Das erotische Tagebuch der japanischen Hofdame Sei Shonagon ist 1 000 Jahre alt. Es steckt voller sinnlicher Zitate und geheimnisumwobener Liebeszeremonien. Fast ein Jahrtausend später wird es der jungen Japanerin Nagiko zur fesselnden Bettlektüre.

    Peter Greenaway hat aus der wachsenden Faszination Nagikos für die hohe Kunst der Kalligraphie und das Bemalen von nackten Körpern einen Film gemacht. "The Pillow Book - Die Bettlektüre" ist vom 24. Oktober an in den deutschen Kinos zu sehen.

    Zwanzig Jahre nach Nagisa Oshimas Skandalfilm "Im Reich der Sinne" stellt Greenaway erneut kompromißlose erotische Rituale in den Mittelpunkt. Eingebettet in japanisches Zeremoniell entspinnt sich ein Rausch, der auch dieses Mal tödlich endet: Der britische Filmemacher (Der Bauch des Architekten, 1986) setzt dabei einmal mehr auf seine ganz eigene, reich inszenierte Ästhetik. Wenn Nagiko - gespielt von Vivian Wu (Der letzte Kaiser) - ihre Vorliebe für die Kalligraphie zur Besessenheit entwickelt, Liebhaber nach ihren kalligraphischen Fähigkeiten aussucht und als Schreibunterlage schließlich nurmehr perfekte Menschenhaut akzeptieren mag, erinnert vieles an die abstrusen Eß-Rituale, die Greenaway bereits in "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989) präsentierte.

    Dennoch ist die exotische Geschichte viel weniger abstoßend und in ihrer Ausstattung geradezu ein Kunstwerk: Greenaway arbeitet, wie jüngst auch bei seinen Kunstinstallationen in europäischen Großstädten, mit dem Mittel der Cadrage - er rahmt die Szenen ein. Bänder von Schriftzeichen, farbige Streifen oder auch Miniatur-Filmsequenzen umfassen das Leinwandgeschehen wie ein Gemälde oder unterteilen es in mehrere Flächen, immer einer strengen Geometrie folgend.

    Doch hinter der formalen Ausgewogenheit verbirgt sich eine überbordende Lebens- und Liebesgier. Der junge britische Liebhaber Nagikos (Ewan McGregor aus "Trainspotting") fällt der Kompromißlosigkeit der jungen Frau beim Verfolgen ihrer hohen ästhetischen (und erotischen) Ansprüche auf tragische Weise zum Opfer. Dennoch führt Nagiko ihre Beharrlichkeit schließlich zum Ziel. Kunstvoll übt sie Rache für den Tod ihres gedemütigten Vaters.

    Bei den Filmfestspielen in Cannes erntete Greenaways Ausflug in asiatische Welten geteiltes Echo. Kritiker bescheinigten der Geschichte Stringenz - trotz der Sprünge durch Raum und Zeit, die vom höfischen Leben der Tagebuchschreiberin Sei bis zum Trend-Zeitgeist des heutigen Hongkong reichen. Doch die hohe ästhetische Stilisierung wird dem Film zugleich zum Handicap: Der Blick Greenaways auf die japanischen Traditionen bleibt immer der Blick des Europäers auf unverstandene, fremde Exotik - und damit dem allzu Dekorativen, der tadellosen Oberfläche verhaftet.

    Von Andrea Barthelemy, dpa

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