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  • Kritik: Kino-Kritik: "Lügen und Geheimnisse" von Mike Leigh

    Auf Geheiß lächeln sie alle. Das Hochzeitspaar, die Kleinfamilie, die Punkerin, der Sportler: Wer zum Portraitphotographen geht, zeigt sich von seiner besten Seite. Nur das Unfallopfer stellt Narben und eine finstere Miene zur Schau, der Versicherung wegen. Aber auch diese Frau posiert willig, und der Photograph staffiert sie aus, mit dem richtigen Hintergrund und dem passenden Licht.

    Maurice, der Photograph, wartet, bis das Bild stimmt. Mike Leigh, der Filmemacher, wartet nicht. Er lenkt den Blick auf den Moment, bevor die Person zum Bild erstarrt, auf die letzten Handgriffe und Korrekturen, auf das kurze Zögern oder den kaum spürbaren Unwillen, mit dem der Ehemann seinen Arm um die Gattin legt. Die Selbstinszenierungen des Kleinbürgertums im Photostudio, mit denen Leighs neuer Film "Lügen und Geheimnisse" beginnt, verwandelt er in Miniaturen von Normalität. Wer sich verstellt, verrät sich, solange die Maske nicht sitzt.

    "Lügen und Geheimnisse", so der Regisseur, "handelt von unserem zwanghaften Bestätigungsbedürfnis, wer wir sind und woher wir kommen." Leider erliegt sein Film selbst diesem Zwang, denn die Photoportraits bleiben Randerscheinung einer Familienstory, die, erstmals bei Leigh, auf eine vorschnelle Versöhnung im Kreise der Lieben hinausläuft. Willkommen daheim.

    Hortense (Marianne Jean-Baptiste), eine junge Optikerin, macht sich nach dem Tod der Adoptivmutter auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter. Sonst werden im Kino meistens die Väter gesucht, neuerdings haben die Mütter, zumal die leiblichen, Konjunktur. Sei es Woody Allens "Geliebte Aphrodite", sei es die Hippie-Mom in "Flirting with Disaster": Selbstredend spotten sie jeder Erwartung. Auch Hortenses Fund ist ein Schock. Denn Mutter Cynthia (Brenda Blethyn) ist weiß, die Tochter hingegen schwarz. Hinzu kommt die Klassenschranke: Hortense führt eine gepflegte Angestelltenexistenz, Cynthia ein verpfuschtes Proletarierdasein. Schmuddeliges Reihenhaus, Fabrikjob, türkiser Häkelpulli, fettige Haarsträhnen, breite Hüften, verkniffener Mund - das Leben, ein Frust. Tochter Roxanne kommt, wenn überhaupt, morgens nach Hause, grunzt oder keift und geht auf die Straße; sie arbeitet bei der Stadtreinigung. Bruder Maurice, der Photograph, hat sich im ehelichen Eigenheim eingerichtet, Gattin Monica widmet sich der Innenausstattung und schämt sich für Schwägerin Cynthia.

    Cynthia und Hortense treffen sich erstmals, auf einen Tee. Zwei Frauen am Kneipentisch, nebeneinander, frontal photographiert. Cynthia kratzt sich am Nacken, zwitschert "Sweetheart" und plappert über all die nicht gesagten Sätze hinweg. Ihre Fispelstimme zerrt an den Nerven. Eine qualvolle Szene, fast ohne Bewegung und ohne Schnitt. Hortense, das kluge Kind, zeigt Verständnis.

    Sonst ist Mike Leigh ungnädiger. Immer auf Seiten der Arbeiterklasse, hat er seine Helden, all die vom Schuften mürbe gewordenen Typen, doch nicht geschönt. Sein Kino, von "Bleak Moments" bis "Naked", ist voller Sympathie für die Underdogs, für ihre rüden Sätze und Verzweiflungstaten; dennoch besänftigte die Parteinahme nie den Blick. Mike Leigh verbat sich das Melodram, so geriet jeder Film zur Höllenfahrt.

    Zwar bleibt er auch diesmal dokumentarisch genau, wenn etwa die Sozialarbeiterin im Gespräch mit Hortense fahrig und forsch deren Fall mal eben erledigt. Aber die Beweglichkeit seiner Kamera, die bisher nichts durchgehen ließ, wird von der Scheu vor der Bloßstellung gebremst. Die Begegnung zwischen Mutter und Tochter spitzt sich nicht zu, sie klingt einfach aus. Violine, Harfe und Cello überbrücken die Entfernung zwischen den Frauen. Harmonie statt Bedrängnis.

    Die Frauen leiden, an Menstruations- oder Weinkrämpfen, an sich und der Welt und ändern sich nicht. Die Männer, vor allem Maurice, leiden mit. Wie im Photostudio will Maurice es allen recht machen, tröstet, ermutigt, beschwichtigt, hält Händchen, füllt Wärmflaschen auf: der gute Mensch aus der Vorstadt. Mit Vollbart, Kurzhaar und gedrungener Gestalt sieht Timothy Spall als Maurice Mike Leigh sogar ähnlich.

    An Roxannes 21. Geburtstag lädt Maurice die Sippschaft zum Barbecue; Cynthia bringt Hortense mit und stellt sie als Arbeitskollegin vor. Man reicht einander Schüsseln, Bestecke, Würste und Steaks, ein irrwitzig choreographiertes Ritual, das Mike Leigh ausnahmsweise nicht theaterhaft, sondern filmisch auflöst, indem die Kamera den Eiertanz zwischen Höflichkeit, Beklemmung und verworfenen Gefühlen selbst mitvollführt.

    Aber dann platzt Cynthia mit der Wahrheit über ihre verheimlichte Tocher heraus, und dem Familienfest folgen, sollte man meinen, Katastrophe und Chaos: Vorwürfe, Anklagen, Offenbarungen. Nichts wäre vernichtender, und in der Negation käme die Sehnsucht zum Ausdruck, die unter dem ständigen Keifen, der Hysterie und Erschöpfung verschüttet liegt. Statt dessen folgen Tränen, Geständnisse, Eintracht. Plötzlich sprechen Leighs Helden nicht mehr, sie halten Reden, tun Absichten kund, und der Friede tritt ein, bevor ein Krieg überhaupt ausbrechen konnte.

    "Lügen und Geheimnisse" ist Mike Leighs unpolitischster Film, ein Werk der Altersmilde. Der Familiensinn löst sogar die Klassenfrage, die keiner im Kino schärfer stellte als er. Barbecue sei Dank: Plötzlich sind Angestellte, Arbeiter und Kleinbürger am Stadtrand Londons ein Herz und eine Seele. So weicht die Endzeitstimmung von "Naked" der Sonntagsruhe. Idyllen werden nicht wahrer, wenn sie proletarisch daherkommen.

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