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  • Kritik: Kidmans langes Martyrium

    Überraschendes Finale beendet faszinierendes Filmexperiment

    Das amerikanische 15-Seelen-Nest im Amerika der 1930er Jahre bewohnen einfache, arme Menschen. Im Prolog zu den neun Kapiteln des Films stellt sie der Erzähler mit all ihren liebenswerten Schwächen und Unvollkommenheiten vor. Die Inszenierung eines Modells dörflicher Harmonie.

    Dann fallen Schüsse und kurz darauf stolpert die elegant gekleidete Grace (Nicole Kidman) auf der Flucht vor Gangstern durch Dogville, hungrig nimmt sie dem Hund den Knochen und dem Dorf seine Ruhe. Der Müßiggänger und verhinderte Schriftsteller Tom (Paul Bettany) nimmt sie auf - die bezaubernde Grace soll ihm Quell der Inspiration sein, der Umgang mit ihr den Bewohnern den Inhalt seiner moralischen Predigten veranschaulichen.

    Der Plan geht auf. Grace tut alles, um akzeptiert zu werden. Von Trier taucht seine Bühne in warmes Licht und die Bewohner (darunter auch Lauren Bacall) tauen auf. Schon zu Anfang ist klar, dass Kidman wie geschaffen dafür ist, Regisseur von Triers Vorliebe für hingebungsvoll leidende Frauenfiguren zu befriedigen. Ihre Grace ist so zart, überirdisch schön und verletzlich - sie muss gedemütigt werden.

    Die Polizei und schließlich das FBI tauchen in Dogville auf. Sie suchen Grace wegen eines Banküberfalls. Ein Trick von Grace' Unterwelt-Verfolgern, um ihr Opfer aufzuspüren. Die Dorfbewohner wissen um Grace' Unschuld und decken sie, doch das Bühnenlicht wird um einige Stufen härter. Als Gegenleistung soll Grace für weniger Geld länger arbeiten. Auch Tom, dem sie besonders vertraut, verrät die Frau, der er zuvor noch ein unbeholfenes Liebesgeständnis gemacht hatte.

    Die experimentelle Inszenierung erlaubt es von Trier, die Passion von Grace besonders intensiv darzustellen. Keine Kulisse kann von den Figuren ablenken. Der Kamera entgeht nichts. Als Auge Gottes schwebt sie hoch oben über der irdischen Gemeinschaft, dann wieder erforscht sie mitten unter den Menschen die kleinste Regung oder Lichtveränderung.

    Von Triers Virtuosität der Einfachheit ist so gewöhnungsbedürftig wie genial, unterstreicht sie doch den Anspruch mit "Dogville" unabhängig von Zeit und Ort des Geschehens in menschliche Abgründe zu blicken. Der Reiz, ein wehrloses Wesen - und sei es noch so rein - auszubeuten und schließlich zu versklaven, ist zu groß, Sanktionen sind nicht zu befürchten, also zeigt die Gemeinschaft zwangsläufig ihre hässlichen Eigenschaften.

    Grace wehrt sich nicht, entschuldigt das Verhalten der Bewohner mit allgemeiner menschlicher Schwäche - und lässt den Zuschauer leiden. Dieser muss drei Filmstunden ihrem Martyrium zusehen, bis ein so überraschendes wie furioses Finale ihn von diesem faszinierenden Filmexperiment "erlöst".

    Steffen Becker, ddp

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