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  • Kritik: Kaurismäkis neues Depressivum: "Wolken ziehen vorüber"

    Hienieden ist nichts als Mühsal. Bisweilen kommt es schlimmer. Die Arbeitslosigkeit, jener Pyrrhussieg der Moderne, bringt die Tristesse unseres Tuns erst zur vollen Geltung. Wir alle sind irgendwie Lauri aus Aki Kaurismäkis neuem Film "Wolken ziehen vorüber": wenn er gratis eine Filmkomödie anschaut und, nachdem er sich nicht amüsiert hat, empört sein Geld zurückfordern will.

    Lauri ist Straßenbahnfahrer und Ilona Oberkellnerin. Im Bücherregal fehlen die Bücher und für das Fernsehgerät die Zeit. Zu müde sind die beiden nach Feierabend, und wenn Ilona beim Hausputz dann doch einmal einschaltet, treiben ihr Hinrichtungen und wütende Wirbelstürme den Schreck in die Augen. Draußen fällt das Laub von den Bäumen. Die Zeiten sind schlecht. Niemand fährt mehr Straßenbahn, keiner legt noch Wert auf ein Restaurant mit viel Personal, so verlieren die beiden ihre Arbeit und später ihr Auto, ihr Sofa, ihr kleines Sparkonto. Ilona wirkt beständig verfroren in ihrem öfter als eigentlich nötig anbehaltenen Mantel und erscheint in all ihrer spitznäsigen Tapferkeit doch hilflos vor den überdimensionierten Pforten zur Arbeitswelt: vor der Restauranttür, über der am Abend der Schließung die Leuchtreklame erlischt; vor dem Eingang zur Bank, der machtbewußt mit dem Fensterglas blitzt und sie bald wieder ausspeit.

    Einmal ist es eine schäbige Türe. Da kauert Ilona an der Erde und schläft, bis der Arbeitsvermittler eintrifft, um ihre Gutgläubigkeit zu benutzen. Zu Hause kippt Lauri manchmal volltrunken um. Anfangs schleift seine Frau ihn vom Hausflur ins Schlafzimmer, später gibt sie es auf und legt sich voller Kummer dazu, zwischen Schuhe und Stiefel. Allein der Hund sitzt zu Tisch und ist guter Dinge.

    Fortschritt, das ist ein sinkendes Thermometer. Seine Farbe ist Blau. Und wenn sich in "Wolken ziehen vorüber" jemand einen Cocktail bestellt, ist es ein eismeerfarbener "Honolulu Winter". Das Leben, nach Kaurismäki, ist wortkarges Tappen durch Winterkälte. Nostalgie bricht aus: Sehnsuchtsblick neben Kinderfoto, ein Lied von verlorenem Sommer und vergangener Liebe. Die Macht des Schicksals, die dort beschuldigt wird, hat auch anderswo die Hand im Spiel: wenn das Los über Entlassungen entscheidet oder Lauri sein Unglück im Kasino sucht.

    Im besten Falle gelingt das unfreie Leben als Kette vertrauter Rituale. In der Ehe mit Kochen und Verzeihen und bläßlichen Blumensträußen. Bei der Arbeit mit gelegentlicher Entwaffnung eines messerfuchtelnden Kochs, der später voll Reue nach der Höhe der Arztrechnung fragt.

    Das Ehepaar steht zusammen, Ilona hat Initiative, ein neues Restaurant eröffnet mit der alten Belegschaft und Lauri dazu. Allerdings heißt es "Arbeit" und verstärkt damit den Verdacht, den der allzu erfolgsgekrönte Eröffnungstag schon weckte: Die Geschichte endet nicht in der Wirklichkeit. Sie zeigt einen Himmel der Arbeitslosen, eine gerade in ihrer Bescheidenheit bedrückende Utopie.

    Copyright: , 30.5.1996

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