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  • Kritik: Kate Winslet als Code-Knackerin

    Vorsintflutliche Computer-Ungetüme

    Erst in den siebziger Jahren wurde enthüllt, dass Winston Churchill in Schloss Bletchley Park bei London ein streng geheimes Zentrum von Mathematikern und Linguisten aufgebaut hatte, eine Denkfabrik der Superhirne, die deutsche Funksprüche dechiffrierten. Rund um die Uhr sitzen dort Krypto-Analytiker aus aller Herren Länder auf der Lauer, um Funksprüche abzufangen, zu entschlüsseln und so die Bewegungen der feindlichen Heere vorherzusehen.

    Doch nur dem Cambridge-Mathematiker Tom Jericho ist es gelungen, die Enigma (Rätsel), die legendäre Chiffriermaschine der Reichswehr, zu knacken. Als die Deutschen den Code aber erneut ändern, wird der junge Mann, kaum von einem Nervenzusammenbruch genesen, wieder nach Bletchley Park beordert: ein riesiger alliierter Versorgungskonvoi befindet sich im Nordatlantik auf dem Weg nach Großbritannien, schutzlos den deutschen U-Booten ausgeliefert.

    Auf drei Ebenen entfaltet sich die Geschichte, bei welcher der Zuschauer schon ein wenig aufpassen muss: In Rückblenden tritt Claire auf, Jerichos Ex-Geliebte und und Angestellte in Bletchley Park, die spurlos verschwunden ist. In einem zweiten, chronologischen Erzählstrang versucht Jericho im Wettlauf mit der Zeit und einem anonymen Gegenspieler, zusammen mit Hester, Claires Mitbewohnerin, sowohl Claires Geheimnis als auch den Code zu knacken. Und dann sind da merkwürdige Streiflichter auf deutsche Soldaten im Osten und Leichen im Schlamm...

    Schon der Romanvorlage des britischen Journalisten und Bestsellerautors Robert Harris gelang es vorbildlich, Fakten und Fiktion zu verknüpfen. Ebenso geschickt spannt Drehbuchautor Tom Stoppard ("Shakespeare in Love") die an sich trockene Materie in den Dienst des Gemenschels, das die komplizierte Intrige vorantreibt. Ähnlich intelligent konstruiert wie Alfred Hitchcocks Spionagefilme über den Zweiten Weltkrieg, kommt er dabei mit einem Minimum an Action aus.

    Mitproduzent Mick Jagger ersteigerte einst bei Sotheby's eine Enigma-Maschine, deren Geheimnis ihn wohl nicht mehr losließ: Und so sind die Enigma und die elektromechanischen Rechenmaschinen zu ihrer Entschlüsselung, mit ihren unablässig ratternden Rollen, das Zentrum dieses Thrillers. Der Krieg selbst erscheint im Echo der Funksprüche und der militärischen Planspiele ähnlich virtuell wie beim Schiffe- Versenken-Spiel. In der nüchternen Inszenierung enthüllen sich aber umso unbarmherziger die menschlichen Tragödien hinter den abstrakten Signalen und Codes.

    Und die vorsintflutlichen Computerungetüme werden von Dutzenden von Frauen gefüttert, Handlangerinnen der schrulligen Superhirne. Eine von ihnen ist Hester, gespielt von einer bebrillten Kate Winslet als brillante, aber frustierte junge Frau, die sich mit Verve als illegale Codeknackerin betätigt. Ebenso gut besetzt ist Saffron Burrows als Claire, eine schöne, blonde und glamouröse Femme fatale und angebliche Spionin. Kein Wunder, dass Jericho (gespielt von Dougray Scott, Bösewicht des letzten James-Bond-Films) innerhalb dieses weiblichen Spannungsfeldes und dazu noch getriezt von zwielichtigen Geheimdienstagenten Wigram, immer tiefere Augenringe bekommt.

    Regisseur Michael Apted, dem sichtlich seine Erfahrung als Dokumentarfilmer zu Gute kommt, ist eine mehr als ehrenwerte Übersetzung des Krimis auf die Leinwand gelungen, die besonders durch ihre atmosphärische Dichte beeindruckt. Umso enttäuschender ist das im Gegensatz zur Vorlage überkonstruierte Happy End, das nicht nur die Romanze zwischen Hester und Jericho forciert, sondern - ganz langsam und zum Mitschreiben - alles noch mal erklärt. `Enigma" kommt ab 24. Januar in die Kinos.

    Birgit Roschy, AP

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