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  • Kritik: Katastrophen und Fügungen

    Die meisten Menschen haben keine Geschichte. Das Leben widerfährt ihnen; und da sie auch keine Sprache haben, um das, was ihnen geschieht, in Worte zu fassen, können sie auch nichts von sich erzählen. Wie also sollten sie eine Geschichte haben? Doch gerade solche Leute sagen dann: 'Was ich erlebt habe, darüber könnte man einen Roman schreiben.' Über sie hat Peter Handke sich lustig gemacht im Nachmittag eines Schriftstellers: sie hätten einfach zu wenig Phantasie, um dem ungeordneten Leben einen Sinn zu geben. Aber nur darum erzählen sich die Menschen Geschichten: Um im Leben, von dem sie ahnen, daß es sinnlos ist, einen Sinn zu finden.

    Diese Stummen, Hilflosen, einfach so ins Leben geworfenen haben in Mike Leigh einen wundervollen und zurückhaltenden Anwalt. Leigh maßt sich nicht an, für sie zu sprechen; er beobachtet sie nur so lange mit seiner Kamera, bis das verworrene Zeug, das ihnen dauernd in die Quere kommt, tatsächlich einen roten Faden, eine Struktur - einen Sinn ergibt. Auf irgendeine vertrackte Weise gelingt es Mike Leigh immer, seinen Sprachlosen zur rechten Zeit die rechten Worte zu geben.

    Und genau darin besteht der Zauber seiner Filme, die sonst nicht viel Zauberhaftes zu bieten haben. Denn Leighs Klientel gehört seit seinem Erstling Bleak Moments (1971) bestenfalls zur unteren Mittelklasse, meistens liegt sie sogar darunter. Da ist nicht viel Attraktives zu zeigen, weshalb Leighs Filme nicht gerade zu den Kassenschlagern auf dem Kinomarkt zählen. Daß Lügen und Geheimnisse trotzdem die Goldene Palme von Cannes gewann, gehört zu den großen Tröstungen, die das Kino manchmal für seine Treuesten parat hält.

    Leigh erzählt hier die Geschichte von fünf . . . Quatsch! Leigh stellt fünf Personen vor, die am Rande Londons wohnen: Hortense, eine schwarze Optikerin, hat gerade ihre Adoptivmutter begraben, nun sucht sie die Frau, die sie zur Welt gebracht hat. Cynthia lebt mit ihrer stets übelgelaunten Tochter Roxanne im Haus der Eltern, wo beide mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Cynthias Bruder Maurice hat sich einen kleinen Photoladen zugelegt und seine Frau Monica putzt unermüdlich die Wohnung darüber heraus, weil es sonst in der kinderlosen Ehe nicht viel zu tun gibt.

    Fünf Schicksale, fünf Vereinzelungen, fünf Belanglosigkeiten. Kein Elend, nur Schäbigkeit; keine Not, nur Mangel an Wärme und Zuneigung; keine Geschichte, nur eine Handvoll Episoden. Aber Leigh wäre nicht Leigh, wenn er es nicht verstünde, aus dieser kruden Ansammlung von Nicht-Geschichten eine Filmerzählung zu formen, die von der abstrakten Idee bis zum dumpfen Gefühl alles hat, was Geschichte braucht, wenn sie ihre Figuren ernst nimmt.

    Es ist nicht der - eher billige - Trick, Cynthia gegen allen äußeren Anschein zur natürlichen Mutter von Hortense zu machen, also aus fünf Individuen eine Familie zu formen, der die Geschichte rundet, sondern die unnachahmliche Art und Weise, wie Leigh die scheinbar ganz disparaten Motivationen seiner Figuren zu einem Thema bündelt, das mit der Struktur des Lebens genauso viel zu tun hat wie mit dem Mechanismus einer Geschichte. Nur so kommt, etwas pathetisch gesagt, die Wahrheit zutage; eine Wahrheit, die - wie der Titel ausplaudert - von Lügen und Geheimnistuereien verdeckt und verschüttet war.

    Wenn Cynthia in Gestalt von Hortense nicht nur mit einem lebenslangen Geheimnis, sondern mit einer regelrechten Lebenslüge konfrontiert wird, dann belastet diese unselige Überraschung ja nicht nur sämtliche Familienbeziehungen - was Leigh zu einer nachsichtig-sarkastischen Sozialsatire nutzt -, es ergibt sich damit erst das Hauptthema des ganzen Films: das Zur-Welt-kommen, Zur-Sprache-kommen. Wie die Wahrheit erst ans Licht kommt, wenn die Lügen und Geheimnisse ausgeräumt sind, so ergibt auch die Geschichte erst ihren Sinn, wenn die Widerstände des thematischen Zusammenhangs beiseite geschafft sind.

    Leighs - diesmal genialer - Trick dabei: Gerade das, was die Figuren scheinbar trennt und auseinandertreibt, vereint sie in Wirklichkeit. Wie nebenbei, jedenfalls ohne die geringste sichtbare Anstrengung, entfaltet Mike Leigh praktisch alle Katastrophen und gerade noch glücklichen Fügungen, die einer Familie widerfahren können. Wenn das keine Geschichte ist . . .

    Eine zusätzliche Demonstration der kreativen Einheit, die aus lauter Elementen absoluter Zerrissenheit geformt wird, gibt die fulminante Brenda Blethyn, die für die Rolle der Cynthia in Cannes zurecht als beste Darstellerin geehrt wurde. Wie sie in der zentralen Szene mit Marianne Jean-Baptiste diese schwarze junge Frau als das eigen Fleisch und Blut mühsam zu akzeptieren sich anschickt; wie das in einer einzigen, schier unendlichen Kamera-Einstellung fortwährend zwischen Lachen und Weinen hin- und hergeht, ist nicht nur ganz tragisch und unendlich komisch gleichermaßen, sondern auch ein Paradestück britischer Schauspielkunst. Und dazu gehört ganz wesentlich diese unnachahmliche Melodik des Englischen, welche die deutsche Fassung mit Untertiteln glücklicherweise bewahrt. Allein wie Brenda Blethyn ihre drei Lieblingswörter sweetheart, honey und darling moduliert, ist den Besuch von Lügen und Geheimnisse wert. Muß man mehr sagen?

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