40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Kaltblütiger Charaktermord im Kinoformat
  • Kritik: Kaltblütiger Charaktermord im Kinoformat

    Es beginnt mit einem Richard Nixon, wie ihn keiner kennt: ein volles Glas in der Hand, alkoholverklärte Blicke, stotternde Zunge. In dieser Verfassung saugt er die ersten Nachrichten vom Watergate-Skandal in sich hinein. Es endet mit einem Richard Nixon, wie ihn keiner vergißt: South Lawn des Weißen Hauses. Ein Hubschrauber, mit dem er die unfreiwillige Reise vom Präsidenten zum Privatmann antritt, und in dessen Tür die trotzige Abschiedsgeste eines Mannes, der nicht wahrhaben will, was mit ihm geschieht. In seinem Gesicht und seiner Gestik steht dieser Satz geschrieben: "Ein Mann ist nicht am Ende, wenn er besiegt wird. Ein Mann ist erst am Ende, wenn er sich selbst aufgibt." Es ist ein Satz, den er einst einem Mann schrieb, der wie er vor dem Ende seiner Karriere zu stehen schien. Es war Ted Kennedy nach seinem Chappaquiddik-Abenteuer.

    Zwischen diesen beiden Filmszenen liegen 195 Minuten Richard Nixon. Überraschende, quälende, vertraute und unbekannte Szenen aus einem verpfuschten Präsidentenleben, eingetaucht in ein zuweilen mythisches, zuweilen symbolisches Halbdunkel. Mit Ausnahme von John F. Kennedy ist über keinen Präsidenten dieses Jahrhunderts in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr geschrieben worden als über Richard Nixon. Was also kann dieser Film noch Neues bieten? Bob Woodward, jener große Skandalfilter, durch den die Nation die Watergate-Affäre einst begierig inhalierte, gab die bisher zutreffendste Antwort: "Jeder Mann bekommt den Psychiater, den er verdient. Richard Nixon bekam Oliver Stone."

    Stone ist der Erfinder, Schreiber und Regisseur dieses Filmwerks. Jene, die den Helden und das Opfer seines Opus besser kennen als er, beispielsweise die beiden Nixon-Töchter, nennen es einen "kaltblütigen Charaktermord". Stone, der bereits seit seinem umstrittenen Kennedy-Film nur noch selten von Filmkritikern, sondern von Historikern und politischen Analysten zur Ordnung gerufen wird, verteidigt sich mit der Standardfloskel: "Dies ist nicht der Richard Nixon, den ich dargestellt habe, sondern ein Richard Nixon." Also ist es der Nixon des Oliver Stone.

    Vom Genre her ist dieser Film nichts Neues. Hollywood hat seit seinen Urtagen gern und oft Entertainment mit Geschichte gemischt. Und das Objekt und sein Image, das dabei gezeichnet wurde, gefiel vielen Zuschauern oft besser als das Original. Was Stone, der in seiner Jugend ein glühender Nixon-Verehrer war, jedoch von seinen Vorgängern unterscheidet: Sie bedienten sich der Geschichte - Stone manipulierte sie in wesentlichen Teilen. Er tat es im Falle des John F. Kennedy und wiederholt es in seinem Nixon-Opus.

    Was sein Produkt jedoch so problematisch macht: Stone erweckt den Eindruck der Authentizität, indem er in Teilen seines Films auf Farbe verzichtet und zu Schwarzweißszenen überschaltet, als handele es sich um Dokumentardarstellungen.

    Außerdem zog er drei Männer aus der engsten Umgebung Nixons als Berater heran: Alexander Butterfield, der als erster die Existenz der umstrittenen Watergate-Tonbänder enthüllte, John Dean und John Sears. Sie sollten für die Authentizität seines Films bürgen. In Wahrheit sind sie jedoch nur ein Alibi für sein kühnes neues Nixon-Bild, das er anbietet. Butterfield gesteht ein: "Wir hatten keinen Zugang zum Feld künstlerischer Freiheiten, die sich der Regisseur erlaubte."

    Das Problem des Filmhistorikers Stone: Was kann man noch Neues über einen Präsidenten sagen, dessen Leben und Handeln in mehr als 80 Büchern analysiert wurde? Die Antwort: Man erfindet eine Figur namens Nixon; ein Erziehungsopfer seiner Quäker-orientierten Mutter, seelengeschädigt durch den frühen Tbc-Tod seiner beiden Brüder, einen Tyrannen gegenüber seiner Frau, einen Trinker und einen Schurken im Umgang mit der Wahrheit. Kurz, Stone zeichnete einen Richard Nixon, der mit jedem Wort und jeder Tat das Urteil Henry Kissingers belegt: "Was hätte aus diesem Mann werden können, wenn er jemals geliebt worden wäre!"

    Diane Disney Miller, die Tochter Walt Disneys, fand das Endprodukt so peinlich, daß sie sich bei der Nixon-Familie dafür entschuldigte, daß Stones Film von der Walt-Disney-Gesellschaft vertrieben wird. Ungeachtet seiner Mängel, ist dieser Film dennoch ein Ereignis dank der schauspielerischen Leistungen von Anthony Hopkins und Joan Allen, die das Ehepaar Nixon verkörpern. Bittere Ironie: Sie geben mit ihrer schauspielerischen Brillanz einem Film Glaubwürdigkeit, die ihm von der Sache her fehlt.

    Ein Urteil über den "Filmhistoriker" Oliver Stone indes erübrigt sich. Das Nixon-Bild, das er anbietet, hat nicht viel mit der politischen Wirklichkeit und der Geschichte zu tun. Der Richard Nixon, den er 195 Minuten lang präsentiert, ist ein falscher Doppelgänger der Geschichte.

    Copyright: DIE WELT, 16.2.1996

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Freitag

    1°C - 8°C
    Samstag

    5°C - 7°C
    Sonntag

    5°C - 9°C
    Montag

    3°C - 7°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!