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  • Kritik: John Waters Rache trifft

    Mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck weist Shelley (Christina Ricci) eine Kundin im Waschsalon zurecht, die dort gerade ein Färbebad für ihre Kleider ansetzt. In diesem Moment hat der achtzehnjährige Hobby-Fotograf Pecker (Edward Furlong) auch schon auf den Auslöser gedrückt.

    Seine Vorliebe gilt der Mimik von Menschen in ganz banalen Alltagssituationen. Die Motive für seine grobkörnigen, schwarzweißen Schnappschüsse findet er überall: auf der Straße, im Supermarkt oder im Strip-Lokal.

    In seinem neuem Kinofilm "Pecker" wirft der amerikanische Regisseur John Waters ("Serial Mom") einen liebevoll-ironischen Blick auf das simple Leben in seiner Heimatstadt Baltimore, das über Nacht plötzlich in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerät: kurios, komisch, knallbunt.

    Peckers Welt sind seine Familie und sein Freundeskreis, die alle etwas spleenig, aber liebenswert sind. Während sein Vater (Mark Joy) eine schlecht besuchte Bar betreibt und seine Mutter (Mary Kay Place) in ihrem Third-Hand-Laden Obdachlose einkleidet, heizt seine Schwester Tina (Martha Plimpton) kräftig die Stimmung in einem Männer-Go-Go-Club an. Außerdem zum Familien-Clan gehören seine naschsüchtige kleine Schwester Little Crissy (Lauren Hulsey) und seine Großmutter (Jean Scherder), die mit Vorliebe ihrer Maria-Statue beim Sprechen souffliert. Pecker ist offen für alles und zückt selbst in den unmöglichsten Situationen seine Kamera. Das Filmmaterial für sein teures Hobby besorgt ihm sein kleptomanisch veranlagter Freund Matt (Brendan Sexton III), mit dem er regelmäßig durch die Supermärkte streift.

    Mit seinem neuem Spielfilm hat der Autor und Regisseur John Waters, der in den siebziger Jahren mit schrillen Kultschockern wie "Pink Flamingos" oder "Multiple Maniacs" als Trash-Papst gefeiert wurde, dem Underground-Kino nun endgültig den Rücken gekehrt. Geblieben ist sein bissiger Humor.

    In der köstlichen Satire "Pecker" attackiert er mit gehässigen Seitenhieben die blasierte New Yorker Kunstszene, auf die der einfache Alltag in Baltimore exzentrisch wirkt, weil er völlig losgelöst aus dem gesellschaftlichen Kontext betrachtet wird. Die Menschen in den Momentaufnahmen sind für sie reine Kunstfiguren. Als Pecker seine lebendigen Schwarzweißportraits in dem Fast-Food- Restaurant ausstellt, wo er normalerweise Burger brät, entdeckt ihn die New Yorker Kunsthändlerin Rorey (Lily Taylor). Begeistert präsentiert sie seine Werke in einer Galerie in Manhattan und lädt Pecker samt Familien-Clan zur Vernissage ein, wo ihn die Kunstszene als hippes Talent feiert.

    Doch schon bald erlebt Pecker die Schattenseiten des Medienrummels. Seine Mutter wird in ihrem Trödel-Laden von Star- Fotografen umlagert und der Lumpenlook zum Renner der Saison erklärt. Jeder setzt sich nur noch in Positur, womit für Pecker nun der spielerische Spaß am Knipsen vorbei ist. Kurzentschlossen dreht er den Spieß um und läßt die hochnäsigen Kunstkenner zur Vernissage nach Baltimore kommen, wo sie am eigenen Leib erfahren, was Foto-Realismus bedeuten kann. Für John Waters, der selbst als Fotograf in der Kunstszene im Big Apple tätig war, ist "Pecker" sozusagen ein doppeltes Heimspiel. Denn er kennt nicht nur die New Yorker Kunstschickeria mit all ihren Macken, sondern auch die ganz einfachen Menschen seiner Heimatstadt Baltimore.

    Birgit Heidsiek, dpa

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