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  • Kritik: Jodies Bildungsmission in Fernost

    König Mongkut hat 23 Ehefrauen, 42 verfügbare Konkubinen und 58 Kinder. Dazu wird Siams einstiger Herrscher von seinem Volk gottähnlich verehrt, lebt in goldstrotzenden Palästen, reitet auf prachtvoll gesattelten Elefanten und Pferden. Ein Leben also wie im irdischen Paradies?

    Nicht ganz, denn wir schreiben das Jahr 1862, und die unersättliche Begehrlichkeit der britischen Kolonialisten richtet sich längst aufs Land der Freien, der Thais. Das wunderschöne Siam ist das Juwel, das in der Krone der gestrengen Queen Victoria noch fehlt. Mongkut hat also Angst vor den Engländern. Doch nicht die kommen, es kommt viel schlimmer in Gestalt eines schmallippigen Hollywood-Stars.

    Oscar-Preisträgerin Jodie Foster spielt nämlich die Hauptrolle in dem mit gigantischem Aufwand produzierten Hollywood-Melodrama "Anna und der König". Schon die Reihenfolge im Filmtitel macht unmissverständlich klar, wes Geistes Kind der weit über zweistündigen Streifen ist, der am 27. Januar in die deutschen Kinos kommt: Es waltet nämlich westliche Anmaßung und Überheblichkeit in der Geschichte um die englische Erzieherin Anna Leonowens, die mit ihrem Söhnchen die Reise nach Fernost wagt. Der Grund: Siams Kronprinz Chulalongkorn soll die Sprache der damaligen Weltmacht lernen. Dabei begegnet Anna einer ganz anderen Kultur und einem König, der halt auch nur ein Mann ist.

    Wem das alles bekannt vorkommt, liegt ganz richtig. Denn schon einmal ist der überaus faszinierende Stoff verfilmt worden, nämlich 1956 in den Leinwand-Musical "Der König und ich" mit dem legendären Glatzkopf Yul Brynner und der eleganten Deborah Kerr. Brynner brachte das damals einen Oscar ein, Kerr den Golden Globe. Der Farbenrausch auf der Leinwand war beeindruckend, das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller ebenso. Allzu ernst nahm das keiner, es war nur ein herrliches Spektakel. Trotzdem war die Gewichtung der Handlung im Titel noch zutreffend angegeben: Erst der König, dann die herbeigereiste Erzieherin. Dass sich das im Laufe der Handlung etwas verschob, machte nicht zuletzt den Reiz aus.

    Ganz anders in der Neuverfilmung, die auf alle Musical-Elemente verzichtet: Hier geht es vor allem um Anna alias Superstar Jodie Foster. Der von dem Chinesen Chow Yun-Fat nobel, aber langweilig verkörperte König von Siam ist eher eine Nebenfigur, die zur vollen Entfaltung des Foster-Glanzes eben unvermeidlich ist. Die ausgebuffte Amerikanerin von zierlicher Gestalt ist in Hollywood eine Macht, sie kann Projekte durchsetzen oder fördern wie kaum jemand sonst dort. Aber Macht führt eben auch schnell zu Selbstüberschätzung. Weder ist die absolut charmefreie Foster eine Idealbesetzung für die Rolle, noch ist sie in der Mutterrolle oder als Beinah-Geliebte des freundlichen Despoten glaubwürdig.

    Der von Andy Tennant inszenierte Film bildet sich viel auf seine opulente Ausstattung ein. Da bei den misstrauischen Thais keine Dreherlaubnis zu erhalten war, wurden die zweifellos beeindruckenden Kulissen im benachbarten Malaysia gebaut. Tennant und die Produzenten müssen mit dem Aufwand prahlen, weil sie keine wirkliche Idee haben, warum diese Geschichte noch einmal Millionen präsentiert werden soll. Alles, was sie dazu bewogen haben dürfte, war die Aussicht auf volle Kassen. Die haben aber in den USA alles andere als oft geklingelt, und sie werden es in Deutschland wohl auch nicht tun.

    In Bangkok hat die Zensur "Anna und der König" verboten. Das ist aus westlicher Sicht verwerflich. Aber unverständlich ist diese Reaktion auch wieder nicht. Eine Kulturnation wie die Thailänder darf sich schon dagegen wehren, zur Staffage für die abgestandenen Emanzipationsvorstellungen einer ignoranten Multimillionärin aus Hollywood degradiert zu werden. Niemand wird, darf und kann hier zu Lande diesen Film verbieten. Aber es gibt ja auch noch eine andere, sehr wirksame Möglichkeit: Einfach in einen besseren gehen.

    Wolfgang Hübner, AP

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