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  • Kritik: Joachim Krol als Hobbyfahrplanexperte unterwegs:

    Inari liegt im hohen finnischen Norden weit nördlich des Polarkreises. Dorthin fährt der Dortmunder Bierfahrer und Hobbyfahrplanexperte Hannes (Joachim Krol) mit der Bahn, um sich seinen Traum zu erfüllen: Er will Weltmeister beim ersten Internationalen Wettbewerb für Kursbuchleser werden. Hannes ahnt nicht, daß ihm ein Kommissar folgt, der ihn wegen Mordes festnehmen will, und daß er sich auf der Fahrt verlieben wird. "Zugvögel ... einmal nach Inari" ist die Überraschung des Jahres unter den deutschen Produktionen, eine leise Komödie mit lebensechten Typen und lakonischem Humor.

    Das mit dem Filmband in Silber des Deutschen Filmpreises 1998 ausgezeichnete Railroadmovie kommt am 9. Juli in die Kinos. Den Mut zu einer für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich ruhigen Erzählweise hat ein Anfänger: Der gebürtige Dortmunder Peter Lichtefeld kam 1994 auf dem Filmfestival der Kaurismäki-Brüder im nordfinnischen Sodankylä auf die Idee zu seinem ersten eigenen Film, weil sich dort alle gewundert hätten, daß er mit der Bahn angereist war. Mit Joachim Krol in der Hauptrolle war ihm von Anfang an die Idealbesetzung sicher.

    Hannes ist ein unauffälliger Ruhrpott-Typ, introvertiert und schüchtern. Er interessiert sich kaum für die finnische Landschaft; seine Gedanken kreisen um Reisekarten und Zeitpläne. Auf den Wettbewerb in Inari ist er so versessen, daß er sogar tätlich gegen seinen Chef wird, weil der seinen Sonderurlaub zurückgezogen hat. Und der liegt dann mit gebrochenem Schädel tot im Büro. Hannes freundet sich im Zug mit einem durchtriebenen Schlafwagenschaffner an und merkt nicht, daß der in kriminelle Machenschaften verwickelt ist.

    In Dortmund findet derweil Kommissar Stefan Fanck Hinweise auf Hannes' Pläne und nimmt die Spur auf. Inzwischen ist der Gesuchte in Skandinavien angelangt, und nach einem Umsteigen und Platzwechel sitzt ihm die blonde Finnin Sirpa (Outi Mäenpää) gegenüber. Später, auf der Skandinavienfähre, erzählen sie sich ihre Träume. Am Ende der Reise, in Inari, gibt es einige Überraschungen für Hannes, von der das Auftauchen von Kommissar Fanck nur eine ist. Peter Lohmeyer spielt den Kripobeamten mit Hut als Seelenverwandten von Hannes, auch er ist ein in sich gekehrter Mensch, der sich in eine Sache richtig verbeißen kann.

    Regisseur Lichtefeld erklärt: "Es war mir wichtig, eine Geschichte zu erzählen, in der der Weg das Ziel ist." Im Film ist es Sirpa, die Hannes' Denkschiene aufbricht. Er hat die schnellsten Zugverbindungen des Kontinents im Kopf und träumt davon, ein neues Konzept für ein europäisches Hochgeschwindigkeitsnetz zu entwickeln. Sirpa dagegen träumt von Rosenzucht und würde statt der schnellsten die schönste Zugstrecke bevorzugen.

    Die lebensechten Figuren, authentisch wirkende Szenen und der ruhige Erzählrhythmus lassen den Film sehr realitätsnah wirken. Kameramann Frank Griebe versteht es, mit den Bildern viel Atmosphäre zu vermitteln. Er hat jede überflüssige Kamerabewegung vermieden. "Denn die Geschichte ist ständig in Bewegung, und zwar sichtbar", erklärt Lichtefeld. Er läßt die Bilder sprechen, und das wirkt wie mit leichter Hand gemacht, zum Beispiel wenn mit ironischen Zitaten aus Western, wenn Kommissar Fanck mit stoischem Gesichtsausdruck auf die Ankunft des Gesuchten wartet und plötzlich wie nebenbei eine Fliege auf seiner Wange plattschlägt.

    Als Tribut an Regisseur Aki Kaurismäki hat Lichtefeld ein paar Nebendarsteller aus Filmen des Finnen eingesetzt. Die Hauptdarsteller aus "Wolken ziehen vorüber", Kati Outinen und Kari Väänänen, spielen ein gelangweiltes Paar im Zugrestaurant, in dem das Bier ausverkauft ist und die Kellnerin Dostojewski liest. Sein Filmdebüt hat übrigens ARD-Moderator Friedrich Küppersbusch mit einem Kurzauftritt als Fahrplanspezialist. Seine Art paßt gut ins Konzept.

    Mit "Zugvögel ... einmal nach Inari" hat Peter Lichtefeld die besten Aussichten, eine eigene Fangemeinde zu erobern. Auf seine nächsten Spielfilme "Playa del Futuro" und "Schachkrieg", an denen er zur Zeit arbeitet, darf das Publikum gespannt sein. Das läßt sich nicht von vielen deutschen Filmemachern sagen.

    Inge Treichel, AP

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