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  • Kritik: Jan Schütte (Regie) und Jürgen Vogel

    Jahrelang war München begehrtester Schauplatz deutscher Yuppie-Komödien - schöne Menschen diskutierten in schicken Altbauwohnungen ihre Beziehungsprobleme. Doch unter weiß-blauem Himmel existiert auch eine bislang kaum beachtete Unterwelt: In U- Bahnhöfen, unter Brücken, am unteren Rand der Gesellschaft leben diejenigen, die Regisseur Jan Schütte zu den Helden seines Films "Fette Welt" gemacht hat.

    Nach der Vorlage von Helmut Kraussers gleichnamigem Erfolgsroman entstand ein ebenso packender wie unaufgeregter Film über eine Liebe im Obdachlosenmilieu mit Jürgen Vogel und Nachwuchstalent Julia Filimonow in den Hauptrollen.

    Mit strähnigem Haar, Schmuddel-Hosen und immer einem leichten Frösteln um die Schultern wird Jürgen Vogel zu Hagen Trinker, dem verschlossenen Underdog, der durch die Begegnung mit einer jungen Ausreißerin nach und nach wieder zu Gefühlen fähig wird. "Hagen ist ein Typ, der seit Jahren auf der Straße lebt und einfach völlig abgeschaltet hat. Denn jedes Gefühl für jemand anderen würde auch bedeuten, Verantwortung zu übernehmen", sagte Vogel. "Im Grunde erzählt der Film kleine Dinge. Morgens aufzustehen und abends ins Bett zu gehen, ohne sich einfach zuzusaufen."

    Wie schwer das unter Umständen fallen kann, davon legt der Film ein eindringliches Zeugnis ab. Hagens Leben mit der "Familie" der anderen Obdachlosen nahe der "fetten" Münchner Schicki-Welt ist von Entbehrungen und Kälte geprägt - aber auch von einem ganz eigenen Verhaltenskodex. Ohne Sozialromantik skizziert Schütte dieses labile, aber solidarische Miteinander: Wenn Hagens "Familie" etwa zusammen zum Betteln geht oder abends in leerstehenden Rohbauten oder unter einer Brücke gemeinsam kocht, wird diese Gemeinschaft lebendig.

    Auf diese Gruppe gescheiterter Einzelgänger trifft eines Tages die Ausreißerin Judith, die "auf der Platte" die große Freiheit wähnt - wie es auch Hagen vor Jahren dachte. Stück für Stück schafft sie es, Hagens emotionalen Panzer zu knacken. Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf - bis die Polizei Judith aufgreift und sie zu ihren Eltern nach Berlin zurückschickt. Liebeskrank macht Hagen sich dorthin auf, um die Freundin zu suchen, von der er nur den Vornamen kennt - ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.

    Obwohl Kraussers Roman wesentlich vereinfacht wurde, webt Schütte neben der Liebesgeschichte weitere Motive ein und wirft damit Schlaglichter auf die anderen Schicksale der Berber-Familie: Die Gestrauchelten werden zu Menschen mit Vergangenheit. Vor allem Lars Rudolph als verstört-verliebter Edgar und Stefan Dietrich als burschikoser Tom stechen hervor. Authentisch wirken die Szenen vor allem deshalb, weil Schütte und Mitarbeiter ausführlich im Milieu recherchierten, an Originalplätzen drehten und ein Team von Schauspielern und Obdachlosen vor die Kamera brachten. Vogel: "Die Zusammenarbeit mit den Berbern war superdiszipliniert. Das hat mich nicht überrascht, denn es ist ja ein Traum aller Menschen, aus Arbeit Befriedigung zu ziehen."

    Der Blick auf Unbequemes geht dem deutschen Film nach Ansicht Vogels jedoch zu oft ab: "Es ist schon unglaublich mitanzugucken, wie die Generation, die Deutschland wieder aufgebaut hat, jetzt unter den Brücken schläft. Jeder von denen hat schon soviel gekämpft in seinem Leben. Was der deutsche Film jedoch zeigt, entspricht überhaupt nicht der Realität. Es geht aber nicht darum, immer einfach nur Spaß zu haben. Auch wenn es manchmal schwer ist hinzugucken."

    Andrea Barthelemy, dpa

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