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  • Kritik: Isabelle Huppert in der "Schule des Begehrens"

    Es ist eine "Amour fou" unter umgekehrten Vorzeichen: Eine reife Karrierefrau verliebt sich in einen blutjungen Mann, erobert ihn, hält ihn aus und verstrickt sich in ein immer enger werdendes Netz widersprüchlicher Gefühle. Wohl keine Bessere als Isabelle Huppert hätte Regisseur Benoit Jacquot für die weibliche Hauptrolle finden können.

    Er schrieb ihr den Part buchstäblich auf den Leib. "Es sollte ein Film sein, der sich nur um sie dreht", kommentiert Jacquot denn auch sein Kammerspiel der Leidenschaften, das als "Schule des Begehrens" am 4. Februar in die Kinos kommt.

    In der Tat drückt Huppert der ungewöhnlichen Liebesstory erneut ihren ganz eigenen schauspielerischen Stempel auf - als alleinstehende erfolgreiche Agentin eines Pariser Modehauses, die in ihrer scheinbaren Zerbrechlichkeit stark ist und trotz eines fragilen Äußeren mit Härte und Konsequenz ihre Wünsche durchsetzt.

    Bei aller Mädchenhaftigkeit trägt sie stets lange Hosen, das Haar ist kurzgeschnitten und auch ihr Name - Dominique - deutet in seiner Androgynität auf traditionell männliche Charakterzüge hin.

    "Die Frau nimmt hier den Platz des reifen Mannes ein, und der junge Mann bekommt die Rolle, die sonst dem unglücklichen jungen Mädchen zugeschrieben wird", sagt Jacquot zu der Geschichte. Der gleichnamige Roman des Japaners Yukio Mishima diente als Vorlage.

    Als attraktiver junger Geliebter Quentin, der in einer Schwulenbar jobbt und eine Schwäche für neonbeleuchtete Spielhöllen hat, gibt Vincent Martinez ein überzeugendes Kinodebüt: unberechenbar, begeisterungsfähig und manchmal von kindlicher Grausamkeit. Eine mutige Kompromißlosigkeit verbindet fatal die beiden miteinander, die aus so verschiedenen Lebenswelten stammen. Doch auf den euphorischen Anfang folgen unausweichlich die Mühen der Ebene - zu unterschiedlich sind die Lebensgewohnheiten, der Alltag, die Interessen. Dominique und Quentin müssen erleben, daß Selbstaufgabe immer auch Verletzlichkeit und Eifersucht mit sich bringt.

    Vergeblich versuchen die beiden, ihre Liebe durch eine Reise nach Nordafrika zu retten. Doch Quentin wendet sich einer anderen, sehr jungen Frau zu - ausgerechnet der Tochter einer Bekannten Dominiques. Überwunden geglaubte Kluften zwischen Jung und Alt brechen wieder auf, die Endlichkeit hat das zeitlos schwebende Miteinander eingeholt. "Sexuelle Bindung ist möglicherweise das sicherste Mittel, sich voneinander zu entfernen", resümiert Jacquot den Versuch, einer Leidenschaft Dauer zu geben.

    Bei all den heftigen Gefühlswirren wahrt Jacquots filmische Erzählweise jedoch kühle Distanz. Es wird viel geredet, doch viel wird auch nur behauptet und zur Schau gestellt. Nur vereinzelte Gesten deuten auf die Verletzlichkeiten hin, die sich hinter den Masken der Souveränität verbergen. Aus dieser Spannung zieht die "Schule des Begehrens" ihren besonderen Reiz - eine rauschhafte Liebesgeschichte, die auf berauschende Bilder und Gefühligkeit verzichtet und deren Knistern ganz aus formaler Sprödigkeit entsteht.

    Andrea Barthelemy, dpa

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