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  • Kritik: Iranischer Regisseur Abbas Kiarostami verfilmt ein Tabuthema

    Herr Badii fährt Auto. Er sucht jemanden, der bereit ist, ihm sein Grab zuzuschaufeln. Denn am Abend will er sich zum Freitod in eine Grube legen, und am Morgen soll jemand nach ihm schauen. Auf den Baustellen und Schutthalden am Rande Teherans bietet er fremden Menschen für diesen Job viel Geld an. Der iranische Film des Regisseurs Abbas Kiarostami gewann bei den Filmfestspielen von Cannes 1997 die Goldene Palme. Am 16. Juli kommt "Der Geschmack der Kirsche" in Originalfassung mit deutschen Untertiteln in die Kinos.

    Über Herrn Badii erfährt man so gut wie nichts. Mit seinem gewellten, nach hinten gekämmten Haar und dem ausgeprägten Kinn sieht er ein bißchen intellektuell aus. Warum er sich umbringen will? Offenbar, weil ihn die Freiheit reizt, über das eigene Leben selbst zu entscheiden. "Selbstmord ist im Iran verboten, als negativer, nihilistischer Akt geächtet. Aber es ist die Aufgabe der Kunst, dieses Problem aufzurollen, die Zuschauer mit dieser enorm wichtigen Frage zu konfrontieren", sagte der Regisseur im vorigen Jahr in einem Interview.

    Herr Badii stößt bei den Menschen, die er anspricht, mit seinem Vorhaben auf Ablehnung. Ein junger Soldat läuft beim Anblick der ausgeschaufelten Grube davon. Ein afghanischer Seminarist hält Herrn Badii entgegen, was der Glaube sagt. Er lädt ihn ein, bei einem Omelett auf der Baustelle eine Lösung für seine Lebensprobleme zu suchen. Herr Badii lehnt ab.

    Dann nimmt er einen alten Mann im Auto mit in die Stadt. Herr Bagheri erklärt sich zu dem Job bereit. In einem hinreißenden Monolog, direkt ins Poesiealbum des Seelsorgers und des Heilsuchenden, in das Herz des Zuschauers, spricht er sich jedoch für das Leben aus. Wir sind Sinneswesen auf dieser Welt, erfährt der Intellektuelle im Range Rover vom Tierpräparator, der Geld für sein krankes Kind braucht: Was ist mit dem Geschmack der Kirsche, was mit der Vollmondnacht?

    Am Ende der Fahrt möchte Herr Badii noch mehr von den Worten des Alten kosten. Er läuft ihm nach, doch der hat keine Zeit mehr für ihn. Herr Badii legt sich am Abend in das Grab, der Mond verschwindet hinter Wolken, man hört es regnen, während sich der Film in die Finsternis ausblendet. Im Epilog ist es draußen grün. Starb Herr Badii, starb er nicht? Im nächsten Frühling hat das keine Bedeutung.

    Warum sollte man diesen Herrn auf seinen trostlosen Fahrten begleiten? Mit einem Problem, das weitgehend sein Geheimnis bleibt. In einer Landschaft, die man nicht aufsuchen möchte. In einem Film, dem grandiose schauspielerische Leistung nicht wichtig ist. Wegen der Goldenen Palme. Das ist der Stoff für abendfüllende Diskussionen darüber, was Unterhaltung ist, was Film sein kann oder sein sollte. Im eigenen Kopf, und überhaupt.

    Bianka Piringer, AP

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