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  • Kritik: Independence Day - Lautstark im Weltraum

    Vor genau vierundneunzig Jahren drehte der Pariser Theaterbesitzer Georges Méliés einen Film, der hieß "Die Reise zum Mond". Eine Gruppe bürgerlich gekleideter Astronauten besteigt ein raketenförmiges Raumschiff, das mit einer Riesenkanone ins Weltall geschossen wird; ein Ehrenkomitee aus leichtgeschürzten Tanzmädchen - die Darstellerinnen stammten aus den Folies-Bergéres - steht beim Abschuß Spalier. Die Rakete trifft den gutmütigen Herrn Mond ins rechte Auge. Dicke, trübe Schmerzenstränen kullern heraus. Nach der Landung feiern die Raumfahrer mit den "Seleniten", durchsichtig schillernden Mondbewohnern, die bei der Berührung mit einem Regenschirm wie Seifenblasen zerplatzen, ein Versöhnungsfest. Dann lassen sie sich zur Erde zurückfallen, die mit ihrer freundlichen Anziehungskraft die Mondreisenden wie von selbst nach Hause bringt. Der Film war, soweit man weiß, ein großer kommerzieller Erfolg.

    beginnt mit einem Blick auf den Mond. Wir sind im Mare Tranquillitatis, wo die ersten menschlichen Besucher des Trabanten die Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen haben: Plastiktüten, Metallbehälter, Fußabdrücke und eine amerikanische Flagge. Still hängt sie in der reglosen Luft. Auf einer Tafel liest man die Namen der Apollo-11-Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins, darüber die Worte: "We came in peace". Alles ist ruhig. Doch plötzlich kommt von irgendwoher ein dumpfes Zittern, das immer stärker wird. Die Fahne schwankt. Ein Schatten fällt auf die Inschrift. Staub wirbelt auf und deckt die Fußspuren des Menschen zu. Dann schiebt sich von oben eine gewaltige schwarze Masse über die Mondlandschaft: ein außerirdisches Raumschiff. Am rechten Bildrand aber erscheint, klein und hellblau, die Erde: das Reiseziel.

    Zu diesem Zeitpunkt ist der Film "Independence Day" etwa eine Minute alt. Weitere 142 Minuten werden folgen, aber in keiner von ihnen wird mehr zu sehen sein als das, was schon in diesen ersten Bildern angedeutet war. Die Außerirdischen werden die Erde angreifen, um die Menschheit auszurotten, und die überlebenden Erdlinge werden sich unter amerikanischer Führung zu einem verzweifelten Gegenschlag aufraffen. Doch das alles wissen wir bereits, denn wir haben es gesehen: den Schatten auf dem Wort "Frieden", die panisch flatternde Flagge, die verwehte Fußspur. Schneller kann man eine Science-fiction-Geschichte nicht erzählen. Besser auch nicht.

    Filme bekommen ihre Form durch die Gegenstände, die sie abbilden. Science-fiction-Filme sind deshalb, genauso wie Raumschiffe, in erster Linie Maschinen: Transportmittel, Kampfroboter, metallische Labyrinthe. Was produzieren diese Maschinen? Sie produzieren Angst: vor den Fremdlingen aus der Tiefe des Weltraums, dem unbekannten Virus, der höheren Intelligenz, der überlegenen Technologie. Diese Angst ist, wie die gesamte Science-fiction-Literatur seit

    , ein Kind des Darwinismus. Denn seit der "Entwicklung der Arten" wissen wir zwar endgültig, daß der Mensch die Krone der Schöpfung ist, aber wir wissen auch, daß die Evolution immer weiter geht - auch "nebenan", irgendwo im All. Und was ist der alien anderes als das Bild des Übermenschen, zu dem der Mensch einmal werden will, vielleicht in zwei-, vielleicht in zehntausend Jahren?

    "Ein aus sich rollendes Rad", das sei der Übermensch, schrieb Nietzsche, und Emmerich filmt es: Dutzende riesiger schwarzer Raumschiffräder, die aus dem Bauch des alien-Mutterschiffs in den Weltraum rollen, durch den Erdenhimmel brechen wie der biblische Feuerwagen des Elias und sich dann, Gewitterwolken gleich, über den Hauptstädten der Menschheit niederlassen. Und in den Riesenrädern sitzen Scharen glitschiger Wesen mit Saugtentakeln und Quallengehirnen, deren Trachten einzig darauf gerichtet ist, diesen Planeten möglichst schnell von seinen Alteigentümern zu befreien, um sich selbst an seinen Rohstoffreserven satt fressen zu können - kosmische Schmarotzer, die sich, Tentakel hin oder her, kein Jota schlimmer verhalten als der gerühmte Homo sapiens; sie menscheln nur in viel größerem Maßstab. "Du Mensch!" Für Schopenhauers Pudel war das die schlimmstmögliche Beleidigung, und auch für Emmerichs aliens gibt es keine treffendere.

    Denn Science-fiction-Filme sind natürlich nicht bloß lasergetriebene Angstmaschinen, sondern auch hochempfindliche Seismographen: Sie fangen die Signale der Gegenwart auf und stricheln daraus das Gespenst der Zukunft. Ihre Wirklichkeit ist das Geschwür unserer eigenen. Als Don Siegel 1956

    drehte, dachte er vor allem an seine graugesichtigen, körperlosen Nachbarn, und Douglas Trumbulls "Lautlos im Weltraum" (1971) handelte mehr von einer Erde, auf der es keine Blumen und Bäume mehr gibt, als vom All, in dem sie noch blühen. Ridley Scotts

    erzählt von den Wunschphantasien einer Frau unter lauter Männern, George Lucas' "Krieg der Sterne" von einer Inzestliebe im 35. Jahrhundert. So gibt es keinen großen Science-fiction-Film, der nicht auch eine Allegorie auf irdische Verhältnisse ist - vom Kalten Krieg ("Star Trek") bis zur sexuellen Revolution ("Barbarella"), vom Killervirus ("Andromeda") bis zur Gentechnik ("Blade Runner").

    Außer diesem. Denn "Independence Day" gibt sich nicht die geringste Mühe, dem planetarischen Zweikampf, von dem er erzählt, irgendwelche Nebendeutungen abzugewinnen. Seine Botschaft läßt sich in einem Satz zusammenfassen: "Gemeinsam sind wir stark." Gemeinsam fliegen der schwarze Pilot (Will Smith) und der weiße Wissenschaftler (Jeff Goldblum) ins Mutterschiff der Feinde, gemeinsam holen die Jagdflieger der Welt am 4. Juli, dem Independence Day, die schwarzen Riesen vom Himmel, und dann hält der amerikanische Präsident (Bill Pullman) eine Rede, die so blöd ist, daß sie fast dokumentarisch wirkt. Der Film habe "keinen Subtext", klagte der Kritiker des New Yorker, denn: "It's all übertext." So ist es.

    Wenn Emmerichs Film also keine geistige Energie verbrennen kann, was verbrennt er dann? Die Filmgeschichte. Er verfeuert "Top Gun", "Alien", "E.T.", "Zurück in die Zukunft", "2001", "Krieg der Sterne", "Dr. Seltsam", "Metropolis", "Kampf der Welten" und noch hundert andere, vor allem aber jenes Werk, das ihm in seiner Schlichtheit unter allen Science-fiction-Phantasien am ähnlichsten ist, Spielbergs "Unheimliche Begegnung". All diese Filme sind Monumente des Kinos; bei Roland Emmerich sieht man, daß sie auch ein erstklassiger Brennstoff sind. Emmerich, der seine Karriere als Ausstatter an der Münchner Filmhochschule begann, hat sich schon in seinen früheren Kino-Abenteuern, zunächst in Deutschland ("Das Arche Noah Prinzip", "Joey", "Moon 44"), dann in Hollywood ("Universal Soldier", "Stargate") gedreht, mit Vorliebe bei den alten Meistern bedient. Diesmal plündert er sie alle, hundert auf einen Streich. Und ganz nebenbei macht er kaputt, was uns im Hollywoodfilm schon lange kaputtmacht: die Freiheitsstatue; das Weiße Haus; das Empire State Building; das amerikanische Fernsehen ("Die Bewohner von Los Angeles werden gebeten, nicht mit Handfeuerwaffen auf das fremde Raumschiff zu schießen, um keinen interstellaren Krieg auszulösen"); downtown L.A. und beinahe sogar den Grand Canyon. "Independence Day" beweist, daß man im Kino einfach alles darf - man muß nur den richtigen Vorwand dafür finden.

    Das phantastische Kino hat einen weiten Umweg gemacht, um von Georges Méliés zu Roland Emmerich zu kommen. Es ist von den Schauergeschichten der Frühzeit ("Homunculus") zu den Menschheitsutopien der zwanziger Jahre ("Metropolis") spaziert. Es hat in Hollywood die ComicÄra ("Flash Gordon"), die atomare Bedrohung ("Das letzte Ufer") und die Träume der Blumenkinder ("Unheimliche Begegnung") durchlitten. Jetzt ist es wieder, wie einst, ein Zirkus der Effekte, ein wildes, aufregendes Spiel. Aufregender jedenfalls als die Begegnung mit Wirbelstürmen ("Twister") oder Arnold Schwarzenegger ("Eraser") im Filmtheater nebenan. Georges Méliés übrigens, der Erfinder des Science-fiction-Films, starb völlig verarmt als Spielzeugverkäufer am Bahnhof Montparnasse. Heute könnte er dort die space toys zu "Independence Day" verkaufen. Oder er wäre der König von Hollywood.

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