40.000
  • Startseite
  • » Kritik: In einem Atemzug durch Russlands Geschichte
  • Kritik: In einem Atemzug durch Russlands Geschichte

    Es gibt Filme, die sind mit einem Satz über Story und Genre schnell beschrieben. Und es gibt Filme, die sprengen den Horizont des bisher Gesehenen und bekommen das Etikett "Meilenstein" angeheftet. Ein solche besondere Einzelleistung ist "Russian Ark" von Alexander Sokurow:

    In einer einzigen, berauschenden Kamerabewegung ganz ohne Schnitt schweift das in der Eremitage von St. Petersburg gedrehte Werk 90 Minuten lang durch 300 Jahre russischer Geschichte.

    Kameraführung macht den Zuschauer zum Besucher

    Von den weit über 1000 Mitwirkenden ist der deutsche Kameramann Tilmann Büttner (39) der eigentliche Star der Produktion, die im vorigen Jahr beim Festival in Cannes uraufgeführt wurde. Büttner ist Steadicam-Operator. Er führt eine digitale Handkamera in einem speziell dafür konstruierten Trage-Stativ durch die riesige Eremitage, das einstige Winterpalais des Zaren. Er schwenkt, zoomt und bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die opulenten belebten Szenen, die Regisseur Sokurow als einen bewegten Strom historischer Kurzepisoden inszeniert hat.

    Der Effekt ist erstaunlich: Das Auge der subjektiven Kamera verschmilzt mit dem Auge des Betrachters. Der Zuschauer wird zum Besucher: Ein russischer Diplomat aus dem 19. Jahrhundert heißt ihn vor einer Hintertür des Winterpalais Willkommen und begleitet ihn mit zynischen Kommentaren über den Verlust der Größe dieses einst an Westeuropa orientierten Landes durch eine fremde, vibrierende Welt.

    Frühstück mit der Zarenfamilie

    In engen Treppen und Gängen beginnt die Tour. Tänzerinnen turteln in den Ecken mit Verehrern. Der Besucher lauert vor einem Raum, in dem Peter der Große einen Mann mit Peitschenhieben bestraft. Die weltberühmte Gemäldegalerie bietet Anlass zum gedankenvollen Verweilen. Katharina die Große inszeniert ein Theaterstück und sucht dann verzweifelt die Toilette, die Zarenfamilie sitzt beim Frühstück... Im Ballsaal endet der Besuch mitten in einem prächtigen Fest, der letzten durchtanzten Nacht der Zarenmonarchie im Jahr 1913. Und das alles ohne Schnitt in einem tiefen filmischen Atemzug. Hunderte von Schauspielern, Statisten, Tänzern und Musikern agieren mit perfektem Timing. Die Vielzahl der Szenen genau zu identifizieren und historisch zuzuordnen, wird nur Experten gelingen.

    Nur die letzten 80 Jahre fehlen

    Sokurow ist mit "Russian Ark", seiner russischen Arche, eine ungewöhnliche Mischung von Experimental- und Historienfilm gelungen. Erstaunlich ist nur, dass der auf Geschichtsthemen spezialisierte Regisseur ("Der Moloch") die letzten 80 Jahre seiner Heimat - die Revolution, den Stalinismus, den Zerfall der Sowjetunion - bei seinen melancholischen Kommentaren vollkommen ausblendet. Und doch ist die jüngere Geschichte als Anlass zu manchmal allzu wehmütiger Nostalgie stets präsent.

    Karin Zintz, dpa

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Redakteur

    Maximilian Eckhardt

    Mail | 0261/892743

    Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Donnerstag

    -1°C - 5°C
    Freitag

    2°C - 6°C
    Samstag

    4°C - 8°C
    Sonntag

    4°C - 8°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!