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  • Kritik: In 19 Gedichten um die Welt

    Kann man Gedichte verfilmen? Eigentlich sollte man so fragile sprachliche Gebilde lesen oder hören, aber natürlich kann sich jeder von lyrischen Texten inspirieren lassen. Der Berliner Fotograf und Regisseur Ralf Schmerberg, der in den letzten Jahren vor allem mit Musikvideos hervorgetreten ist, hat sich seinen Reim auf 19 deutschsprachige Gedichte von Goethe bis Heiner Müller gemacht.

    Entstanden ist so eine naturgemäß extrem subjektiv gefärbte, poetische Wundertüte in einer bunten Kompilation von Kurzfilmen, die immer auch eine Art Interpretation zum gelesenen Text mitliefern. Umrahmt wird diese filmische Anthologie, die am 8. Mai in den deutschen Kinos anläuft, von betörend schönen Bildern aus dem nepalesischen Hochland.

    Bei Brandauer bleibt die Kamera unbewegt stehen

    Mit Gedichten um die Welt reisen: In Island steht die Schauspielerin Luise Rainer an einem malerischen Wasserfall und liest Goethes "Gesang der Geister über den Wassern". Auf einem Balkon in Rio mit Blick aus die Copacabana rezitiert Márcia Haydée in der Silvesternacht Else Lasker Schülers "An den Ritter aus Gold". Zwei blinde Brüder machen Urlaub in Vietnam, dazu liest Hannelore Elsner "Aus!" von Tucholsky. Ein wenig beliebig und wenig originell wirkt das schon. Was hat Paul Celans hermetisches Gedicht "Tenebrae" mit den Furcht einflößenden Karfreitagsprozessionen in Andalusien zu tun?

    Einen Film wie "Poem" kann man mögen oder auch ganz furchtbar finden. Man wird den Verdacht nicht los, dass Regisseur Schmerberg Poesie vor allem mit vagen Emotionen gleichsetzt. Dazu passt dann der Märchenonkel Hermann van Veen ebenso wie Meret Becker als Zirkusfee. Dass Gedichte auch ein Mittel der Erkenntnis sein können, wird in diesem netten Bilderbogen viel zu selten deutlich. Wenn Klaus Maria Brandauer ganz einfach nur Heines "Der Schiffbrüchige" eindringlich rezitiert - die Kamera bleibt ganz unbewegt - dann spürt man etwas von der Kraft der Verse. Und dies ganz ohne exotische Staffage oder dröhnenden Soundtrack.

    Mit der Ritterrüstung an der Autobahn entlang

    Andere Episoden sind schon heikler. Da wandelt David Bennent in aller Herrgottsfrühe in einer Ritterrüstung an einer Stadtautobahn entlang und rezitiert Georg Trakls "Morgenlied": "Nun schreite herab, titanischer Bursche/und wecke die vielgeliebte Schlummernde dir". Ein solcher Auftritt wirkt dann schon befremdlich, mitunter unfreiwillig komisch, auch der Schauspieler selbst war irritiert: "Warum der Schmerberg bei Trakl diesen Ritter auf der Autobahn gesehen hat, weiß ich nicht, verstehe ich nicht, ist mir absolut schleierhaft. Aber ich werde jetzt nicht versuchen, es zu verstehen, ich lasse mich einfach hineinziehen in dieses eigenartige Bild, in diese eigenartige Sprache mit diesem Gedicht".

    Lyrischer Grabbeltisch

    Vielleicht sollte man es als Zuschauer genauso so halten. Man muss sich einlassen auf die meditative, mitunter pathetische Atmosphäre, die sich wie ein roter Faden durch "Poem" zieht. Mit Sicherheit findet jeder auf diesem lyrischen Grabbeltisch Gedichte, die es lohnen, nach dem Kinobesuch gelesen zu werden.

    Johannes von der Gathen, dpa

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