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  • Kritik: "Igby" gegen den Rest der Welt

    Jason "Igby" Slocumb (Kieran Culkin) ist so gut wie 18 und bereitet sich darauf vor, fortzugehen. Die Welt seiner Kindheit ist die der weißen amerikanischen Oberschicht.

    Eine Welt, in der Männer ihre Geliebten und Ehefrauen auf dieselbe Party mitnehmen, in der Scheckbuch und Psychotherapie als erzieherisches Mittel gelten, in der materieller Überfluss und emotionaler Notstand herrschen. Igbys Vater Jason (Bill Pullman) erholt sich in der Psychiatrie von diesem Leben. Seine Mutter Mimi (Susan Sarandon) versucht, es sich mit Pillen vom Hals zu halten. Und Igby spürt, dass er fort muss.

    Traurige Geschichten erzählt man am besten mit Humor

    Seine Flucht führt ihn nach New York, in die Welt der Künstler und Bohemiens. Er wird von der heroinabhängigen Geliebten seines Patenonkels verführt und arbeitet als Drogenkurier. Igby ist auf der Suche nach dem wahren Leben, nach echten Gefühlen. Er findet sie in der Romanze mit der jungen unkonventionellen Jüdin Sookie (Claire Danes), einer ersten großen - wenn auch kurzen - Liebe.

    Traurige Geschichten erzählt man am besten mit Humor. Regisseur und Autor Burr Steers liefert mit seinem Leinwanddebüt eine beißende Sozialsatire, eine Milieustudie in der Tradition von J. D. Salingers Entwicklungsroman "Der Fänger im Roggen". In "Igby" karikiert er das Oberklassen-Amerika mit all seinen Insignien: Der Tomatensaft mit Selleriestäbchen und der protzige Siegelring gehören ebenso dazu wie der Drill an Eliteschulen, die Oberflächlichkeit und unendliche Einsamkeit der versnobten Elite. Steers Erstlingswerk ist eine schwarze Komödie. Der Humor seiner Protagonisten ähnelt dabei dem von Soldaten im Schützengraben: Er ist grob, grausam, ätzend. Die Erwachsenen in Igbys Umfeld haben sich aufgegeben. Sie sind desillusioniert, zu Tode gelangweilt und zu keiner echten Emotion fähig.

    Hinter der zynischen Fassade steckt Enttäuschung

    Niemand verkörpert diese Misere überzeugender als Susan Sarandon, die im vergangenen Jahr mit "Igby", "Moonlight Mile" und "Groupies Forever" gleich drei Filme abdrehte. In "Igby" brilliert sie als überspannte, scharfzüngige Matriarchin Mimi. Sarandon schafft es, hinter der Fassade von Zynismus und Grausamkeit auch die Enttäuschung einer todkranken und einsamen Frau sichtbar zu machen. Neben ihr ist es vor allem Hauptdarsteller Kieran Culkin ("Gottes Werk Teufels Beitrag"), der brilliert. Igbys Sensibilität und Gefühlsverwirrung lässt der Jungschauspieler immer wieder gekonnt hinter einer schnodderigen, manchmal fast unerträglich altklugen Fassade hervorblitzen.

    Culkins Spiel bringt die Kluft zwischen dem jungen Rebellen und seiner Familie ans Licht - Szene für Szene: Igbys Patenonkel D.H. (Jeff Goldblum) meint eines Abends, Versager seien lediglich Hinweisschilder, eine Warnung am Rande des eigenen Wegs. "Dem Weg wohin?", fragt Igby. "Zum Erfolg", erwidert D.H. Diese Definition seines Onkels von Erfolg hat der aufmüpfige Teenager ständig vor Augen. Sein großer Bruder Oliver (Ryan Phillippe) geht den ihm vorgezeichneten Weg: Elite-Uni, Designersakko, Karriere, Geld. Werte, die der Jüngere als oberflächlich und sinnentleert ablehnt.

    Igbys Wut basiert auf eeiner klaren Analyse

    Igbys Rebellion ist keine ungerichtete, diffuse Wut - sie basiert auf einer klaren Analyse seiner Umwelt. In einer der stärksten Szenen des Films warnt er Sookie, die unterdessen mit Oliver anbändelt, inständig vor diesem Milieu: Vor der Arroganz, der Intoleranz, dem emotionalen Vakuum. "Ich kann dich nicht hassen", sagt Oliver kurz darauf zu Igby. Und als sich die Brüder gegen Ende des Films zum ersten Mal umarmen, zerbricht ein Glas.

    Kerstin Nacken, dpa

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