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  • Kritik: "Ich bin, was ich bin"

    SPIEGEL: Frau Sarandon, wie lernt man als Schauspielerin mit Manhattan als Lebensmittelpunkt eine Nonne kennen, die als Sozialarbeiterin in einem Schwarzenviertel in New Orleans tätig ist?

    Sarandon: Am liebsten sage ich: Das muß eine himmlische Fügung gewesen sein. Ich bin von zwei ganz verschiedenen Seiten auf das Buch "Dead Man Walking" von Schwester Helen Prejean hingewiesen worden, gleich als es 1993 erschien. Es packte mich sofort, und als ich kurz danach zu den Dreharbeiten für "Der Klient" nach New Orleans aufbrach, rief ich Helen Prejean an, weil ich sie treffen wollte. Sie wußte nicht, wer ich bin, war begreiflicherweise allem gegenüber skeptisch, was nach Hollywood klang, und hatte sich, um sich ein Bild von mir zu machen, aus einer Videothek "Thelma Louise" besorgt. Das gab gleich reichlich Gesprächsstoff.

    Sarandon: Ach nein. Sie lebt in einem Stadtteil, wo schon kleine Jungen mit Schußwaffen in der Tasche herumlaufen. Sie ist wirklich das Gegenteil aller Nonnen, mit denen ich je im Leben zu tun hatte, und nicht nur, weil sie keine Ordenstracht trägt. Ich war ja einmal ein wirklich frommes Kind, ich habe inbrünstig darum gebetet, als Heilige in den Himmel zu kommen, und da ich mich von diesen Ideen weit entfernt habe, hat es mich beeindruckt, wieviel Kraft der Glaube einer Person wie Helen Prejean gibt.

    Sarandon: So muß es wohl sein. Ich habe Helen Prejean dann eingeladen, bei uns zu wohnen, als sie zu einer Buchpräsentation nach New York kam. Wir haben uns angefreundet, und ich habe Tim Robbins dazu gebracht, für seine Filmfirma eine Option auf "Dead Man Walking" zu erwerben. Aber dann ging die Sache nicht weiter. Tim verschanzte sich hinter der Arbeit an einem anderen Drehbuch, und nach etwa einem Jahr wurde ich ungeduldig...

    SPIEGEL: Vielleicht wollte er, da er als Schauspieler gerade den Zuchthausfilm "Die Verurteilten" hinter sich hatte, nicht schon wieder in das klaustrophobe Knastmilieu eintauchen?

    Sarandon: Ich hatte inzwischen etwa acht andere Rollenangebote ausgeschlagen, weil ich so besessen war von "Dead Man Walking", aber als ich zu Tim sagte, um ihm aus seinem Dilemma zu helfen: Laß uns einen anderen Autor und einen anderen Regisseur dafür suchen, da wollte er das Projekt doch keinesfalls aus der Hand geben. Plötzlich sprang der Funke über, und dann ging alles überraschend schnell: Wir trieben das nötige Geld auf, hauptsächlich in England, Sean Penn sagte zu, noch bevor das Drehbuch fertig war, und wir konnten loslegen. Natürlich ist das, gemessen an Hollywood-Dimensionen, eine Mini-Produktion; Tim und ich haben sozusagen umsonst gearbeitet.

    SPIEGEL: Wie haben Sie es geschafft, Sean Penn zu gewinnen, der doch immer wieder erklärt, nicht mehr als Schauspieler arbeiten zu wollen?

    Sarandon: Ich glaube, er hat ganz einfach auf Anhieb das Außergewöhnliche der Geschichte begriffen. Es geht darum, den abstoßendsten Unhold darzustellen, den man sich vorstellen kann, und wenn man das Publikum zwei Stunden für diesen Menschen interessieren will, braucht man dafür den charismatischsten Schauspieler, der sich denken läßt. Und das ist Sean Penn.

    Sarandon: Als Kollege überhaupt nicht. Und als Schauspieler ist er von einer Intensität, die einen zur Konfrontation bis zum letzten zwingt. Er hatte sich schon, als er zum ersten Drehtag erschien, so unheimlich tief in diese Figur versenkt, daß sich sofort eine ganz spezifische erotische Spannung zwischen ihm und mir entwickelte. Wir sind einander instinktiv während der ganzen Drehzeit privat aus dem Weg gegangen, um diese Spannung nicht zu verlieren. Es geht doch um eine außergewöhnliche Liebesgeschichte: ohne eine Berührung, sogar ohne den Gedanken an die Möglichkeit einer Berührung, immer durch Glasscheiben oder Gitter getrennt, und doch sehr intim. Und der Tod ist dabei immer so nah, so gegenwärtig, daß jede Geste schwerfällt.

    SPIEGEL: Ist es wirklich eine Liebesgeschichte? Ist er nicht doch nur ein mieser, verschlagener, rassistischer Dreckskerl, der den Kontakt zu einer Frau sucht, um sie mit seinem Haß zu besudeln?

    Sarandon: Am Anfang mag er das sein. Wenn Helen sich zum erstenmal zu Besuch in den Todestrakt begibt, tut sie es mit einer Art Todesbereitschaft: Sie ist bereit, sich mit dem Teufel an einen Tisch zu setzen. Doch dann, das macht die Sache schwierig, entdeckt sie in dem Monster den Menschen. Und wenn zwei Menschen einander wirklich in die Augen sehen, geschieht etwas; in dem Maß, wie sie sich ihm ergibt, ergibt er sich ihr. Am Ende hat er eine Art Größe, eine Art Würde. Helen Prejean würde sagen, auch er ist ein Kind Gottes.

    SPIEGEL:Fühlen Sie sich nicht irgendwie unbehaglich oder befangen, wenn Sie im Film eine Person darstellen, die Sie kennen und bewundern?

    Sarandon: Natürlich ist man befangen. Ich bin eine Schauspielerin, die in den Proben alle Extreme, alle Widersprüche einer Figur ausloten und sich in ihr austoben will, auch wenn man dann im Spiel vieles zurücknimmt. Ich habe in "Lorenzos Öl" schon einmal eine Frau gespielt, die ich persönlich kennen- und respektieren gelernt hatte, eine Mutter, die verzweifelt um eine Therapie für ihr todkrankes Kind kämpfte, und auch da war mir die Verantwortung sehr bewußt, die man für das öffentliche Bild dieser Person hat. Ich glaube, man muß all diese Bedenken und Beschützer-Impulse vor dem ersten Drehtag mit sich ausgemacht haben; sobald man vor der Kamera steht, dürfen sie einem nicht mehr in die Quere kommen.

    Sarandon: Ich gebe zu, daß ich bestimmte persönliche Fragen, die mir nachts irgendwann durch den Kopf gingen, Schwester Helen nie gestellt habe. Andererseits: In ihrem Buch "Dead Man Walking" gibt sie nicht viel von ihren Gefühlen preis, sie tritt da nicht als Hauptfigur auf, es ist ein eher dokumentarisches, essayistisches Plädoyer zur Praxis der Todesstrafe, sie selber nennt es einen "Augenzeugenbericht". Die Filmfigur der Helen Prejean, so wie sie nun erscheint mit all ihren Ängsten, ihrer Tapferkeit, ihrer Emotionalität, hätten wir gar nicht entwickeln können, wenn sie uns nicht im Gespräch mit unendlich vielen Einzelheiten gefüttert hätte, die in ihrem Buch nicht vorkommen. Da sehen Sie, was es auch für eine Chance und ein Glück sein kann, sich als Schauspielerin an einer wirklichen Person zu messen.

    SPIEGEL: Empfinden Sie eine biographische Nähe, da Sie beide aus einem sehr katholischen und sehr kinderreichen Haus kommen?

    Sarandon: Ich sehe es nicht so. Helens Elternhaus war wohlhabend, bürgerlich, wie man im Film ja sieht. Meine Eltern waren arm und hatten schon früh ihre Eltern verloren.

    SPIEGEL: Es gibt in Interviews mit Ihnen kaum Schilderungen, wie das war, zusammen mit acht Geschwistern heranzuwachsen.

    Sarandon: Offenbar kommt es vor, daß man acht Geschwister hat und dennoch ein scheues, einsames Kind bleibt. Das ist alles.

    Sarandon: Nein. Entschieden nicht. Man sagt doch zwangsläufig immer das Falsche, oder es wird einem alles im Mund umgedreht. Davor will ich meine Eltern schützen. Dabei bin ich ein Familienmensch. Sie wissen wahrscheinlich, daß meine Tochter im Film mich als Kind spielt. Sie wollte das so gern, und da ich den Regisseur einigermaßen kenne, habe ich es erlaubt, obwohl ich im Prinzip gegen Kinder-Schauspielerei bin. Auch unsere beiden kleinen Söhne sind im Film zu sehen, auch Tims Eltern und eine meiner Schwestern. Eigentlich sind wir ein Familienbetrieb.

    SPIEGEL: Haben Sie je zuvor ein Filmprojekt angeschoben und so energisch vorangebracht? Stimmt es, daß Sie schon 1981 bei Louis Malles "Atlantic City" die treibende Kraft im Hintergrund waren?

    Sarandon: Ich habe schon als Anfängerin den Mund nicht gehalten, wenn mir an meiner Rolle etwas mißfiel; ich hielt das für selbstverständlich. Und sicher war "Atlantic City" einer der Filme in meinem Leben, in die ich am meisten Kraft gesteckt habe. Aber das Drehbuch gab es schon, und ich war nicht die Hauptfigur. Man kann das nicht mit "Dead Man Walking" vergleichen.

    SPIEGEL: Ist es leichter oder schwerer, mit einem Regisseur zusammenzuarbeiten, mit dem man auch zusammenlebt?

    Sarandon: Ganz klar: Wenn alles glatt läuft, fühlt man sich verwöhnt, wenn es aber Prügel gibt, kriegt man am meisten ab. So war das auch bei Louis Malle.

    Sarandon: Aber wenn man Regie führt, muß man sich anders verhalten, rücksichtsloser, deshalb könnte ich das nie. Mit Tim war ich natürlich in allen Grundsatzentscheidungen einig, es war ja von Anfang an unser gemeinsames Projekt gewesen. Dennoch fürchteten wir vor Drehbeginn gegenseitig unsere Dickköpfigkeit. Es gab dann, sagen wir mal, ein paar schwere Unwettertage, Konflikte bis an die Grenze, wo man einander nicht mehr ertragen kann. Wäre der Film mittelmäßig geworden, so würde ich jetzt wohl sagen: Dafür hätte er mich nicht so schinden müssen. Da der Film aber ist, wie er ist, bin ich stolz darauf und bin Tim dafür dankbar, daß er immer nur mit dem Äußersten und Schwersten zufrieden war.

    SPIEGEL: Branchenprofis haben öfter gesagt, Ihnen fehle der richtige Star-Ehrgeiz, sonst hätten Sie eine viel glänzendere Karriere gemacht. Ist es so?

    Sarandon: Nun ja, ich bin ziemlich jung, ziemlich zufällig und ohne richtige Ausbildung zur Filmschauspielerei gekommen. Es hat mir Spaß gemacht, und ich wollte, daß es so weitergeht, aber ich habe es nicht wirklich ernst genommen. Sicher war ich vor 20 Jahren, zur Zeit der "Rocky Horror Picture Show", eine Art Sex-Idol und genoß das, aber ich war kein "Star" der Größenordnung, daß die Klatschreporter mich im Visier hatten. Ich konnte alle Dummheiten begehen, die man in diesem Alter begehen muß, ohne es anderntags auch noch in der Zeitung lesen zu müssen. Darüber bin ich heute sehr froh. Das Leben besteht doch aus den Fehlern, die man macht. Meinen Kindern sage ich sogar: Man muß den Mut zu Fehlern haben, sonst hat alles keinen Zweck.

    SPIEGEL: Und Sie haben nicht aus Leichtsinn auch diese oder jene schöne Rollen-Chance sausenlassen?

    Sarandon: Fragen Sie meine Agenten! Natürlich habe ich manchmal lieber Theater gespielt, und natürlich bin ich nie nach Hollywood gezogen, wo man sich ganz anders präsentieren und ins Gespräch bringen kann. Ich habe Männer geliebt. Ich habe lange Reisen gemacht, wenn ich genug Geld hatte. Ich habe drei Jahre in Italien gewohnt: All das waren aus karrierestrategischer Sicht natürlich krasse Fehler. Aber ich habe gelebt! In letzter Instanz war mir das wohl immer das Wichtigere, und ich denke, sonst wäre ich nicht, was ich heute bin.

    SPIEGEL: Aber Sie wissen, daß die meisten Stars nur Stars sind, weil sie genau umgekehrt denken?

    Sarandon: Stellen Sie sich vor, man blickt irgendwann auf sein Leben zurück und erinnert sich nur an Drehorte, Kulissen, Schminkspiegel - für mich wäre das ein Alptraum.

    Sarandon: Schwer zu sagen. Mir ist bewußt, wie wichtig sie für meinen Erfolg war, aber ich selber habe mich nie als "Schönheit" wahrgenommen, dazu war ich zu introvertiert. Ich weiß, daß ich schon als junges Mädchen von Schauspielerinnen wie Anna Magnani oder Melina Mercouri oder etwas später Jeanne Moreau fasziniert war. Sie hatten nicht die ebenmäßige Hübschheit der Hollywood-Gesichter von damals, und das machte sie real.

    SPIEGEL: Gibt es wirklich keine Rolle, bei der Sie nachträglich bedauern, sie abgelehnt zu haben?

    Sarandon: Ich hätte bestimmt manche gern gespielt, die mir nicht angeboten wurde. Aber daß ein Verzicht schmerzhaft sein kann, habe ich vergangenes Jahr zum erstenmal erfahren: Ich hatte mit Jane Campion seit langem verabredet, daß ich in ihrem "Portrait of a Lady" mitspiele. Das sollte während der Sommerferien stattfinden, und meine ganze Familie sollte nach Italien mitkommen. Aber dann verschob sich die Drehzeit in den Herbst, und weil ich meine Tochter weder so lange von der Schule nehmen noch so lange allein lassen wollte, sagte ich schweren Herzens ab. Ich habe mich sehr spät im Leben für eine eigene Familie entschieden, und nun bin ich, wie Sie sehen, eine filmende Hausfrau, die nur noch in den Sommerferien oder im Umkreis von New York zur Verfügung steht.

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