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  • Kritik: Iñárritus weltumspannende PolitParabel

    Abenteuerlustig streifen zwei halbwüchsige Hirtensöhne (Said Tarchani, Boubker Ait El Caid) mit einem hochmodernen Jagdgewehr durch das felsige Hinterland in Marokko.

    Um die Reichweite der Hochleistungswaffe zu testen, zielt der Jüngere von einer Bergspitze aus auf einen vorbeifahrenden Reisebus. Die abgefeuerte Gewehrkugel trifft die Schulter einer US-Touristin (Cate Blanchett), die sich gerade einen Streit mit ihrem Ehemann (Brad Pitt) geliefert hat. Verzweifelt bringt er seine verletzte Frau in das nächste Dorf und gibt dem mexikanischen Kindermädchen (Adriana Barraza) in der fernen Heimat Instruktionen. Währenddessen versucht in Tokio ein Vater (Koji Yakusho) vergeblich, sich mit seiner gehörlosen Teenager-Tochter (Rinko Kikuchi) auszutauschen.

    In seinem kunstvollen Kinoepos «Babel» verknüpft der mexikanische Regisseur und Produzent Alejandro González Iñárritu («Amores Perros», «21 Gramm») raffiniert verschiedene Handlungsstränge zu einer transkontinentalen Geschichte, deren Logik der Chaostheorie folgt. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes erhielt er für «Babel» den Regiepreis.

    Das Drehbuch zu dieser vielschichtigen Polit-Parabel, die mit kritischem Blick die zentralen Kommunikationsprobleme im 21. Jahrhundert seziert, hat Iñárritu gemeinsam mit seinem langjährigen Ko-Autor Guillermo Arriaga entwickelt. Nach ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit bei «Amores Perros» und «21 Gramm» beschließt das Duo damit jetzt seine packende Trilogie über Themen wie Gewalt, Schicksal und Tod. Produziert wurde «Babel» von dem New Yorker Independent-Produzenten Jon Kilik, der für Kinoerfolge wie «Malcolm X», «Dead Man Walking» oder «Broken Flowers» verantwortlich zeichnet.

    Notdürftig näht ein Veterinär der blutüberströmten Amerikanerin ihre Wunde, während ihr Ehemann versucht, die ungeduldigen Mitreisenden zum Warten zu bewegen. Derweil wird in den Nachrichten schon über einen Terroranschlag spekuliert. Die Polizei verhört den ursprünglichen Besitzer des Gewehres, der sie zum Haus des Ziegenhirten führt, wo die Beamten sofort das Feuer eröffnen. Auch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze eskaliert die Situation, weil das Kindermädchen nicht nachweisen kann, dass sich die beiden kleinen Amerikaner (Elle Fanning, Nathan Gamble) auf Weisung der Eltern in ihrer Obhut befinden.

    Für dieses bildgewaltige Leinwanddrama, das die emotionalen Reisen der Charaktere auf drei verschiedenen Kontinenten begleitet, engagierte der Regisseur den Oscar-nominierten Kameramann Rodrigo Prieto. Um die geographischen und emotionalen Unterschiede zwischen den verschiedenen Orten visuell hervorzuheben, setzte er dabei gezielt auf unterschiedliche Filmmaterialien, die sich durch Körnigkeit, Textur und Farbsättigung unterscheiden. Verstärkt wurde die Authenzität dieser eindringlichen Story dadurch, dass sich Iñárritu beim Casting in Marokko für die Arbeit mit Laienschauspielern entschied. Während der Dreharbeiten zu «Babel» in Marokko, Mexiko und Tokio musste das Drehbuch wegen der veränderten Gegebenheiten immer wieder an die jeweilige Kultur angepasst werden.

    Wie schon Iñárritus erster großer Spielfilm «Amores Perros» beginnt auch diese kraftvolle Kino-Odyssee mit einem tragischen Unfall, dessen Auswirkungen er in ihrer ganzen Komplexität aufzeigt. Ihren Ursprung hat diese weltumspannende Geschichte in Tokio, woher ursprünglich das Jagdgewehr stammt, das eine ganze Lawine aus Unglück, Leid und Schuldzuweisungen ins Rollen bringt. Mit genauem Blick führt der Regisseur vor Augen, wie sehr die menschliche Kommunikation von Missverständnissen und daraus resultierenden Fehlperzeptionen geprägt ist. Der Filmtitel «Babel» steht dabei nicht nur für die babylonische Sprachverwirrung, sondern auch für die allgemeine Verständnislosigkeit der Mitmenschen untereinander.

    Mit einem Seitenhieb kritisiert Iñarritu zudem die Rolle der Medien, die diesen folgenschweren Jungen-Streich als Raubüberfall oder Terrorangriff auf die Amerikaner darstellen. Damit legt der Meisterregisseur zugleich offen, wie sehr sich die Wahrnehmungen der Menschen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verändert haben.

    Birgit Heidsiek, dpa

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