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  • Kritik: Hübsch anzusehende Reise in die Welt des Denkens

    Bei der Lektüre von "Sofies Welt" wünscht man sich in den ausladenden Ledersessel einer Bibliothek hinein, deren Bücherwände vor nervenzerrenden modernen Geräuschen wie polterndem HipHop und Fernsehen abschirmen. Dieser Schmöker verlangt echte Konzentration von seinen Lesern.

    Und auch die Verfilmung macht es einem nicht immer leicht. Manchmal möchte man ebenso "Hä?" ausrufen wie das Mädchen Sofie, wenn sich ihr Philosophielehrer Alberto zu schwergewichtigen Sätzen hinreißen lässt.

    Doch weil man im Film, anders als beim Lesen, nicht zurückblättern und über einer Seite grübeln kann, werden gar nicht allzu viel Worte gemacht, um die Ideen von Sokrates, Platon und all den anderen - bis Sartre reicht der Denker-Schnellkurs des Verfassers Jostein Gaarder - zu skizzieren. Bilder können diese Aufgabe allerdings noch weniger übernehmen, und so scheint die Verfilmung von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Zumal jeder auch nur ein wenig an Geisteswissenschaft Interessierte seine Favoriten gewürdigt wissen will. Doch da zeigt Regisseur Erik Gustavson, genauso entspannt wie schon Buchautor Gaarder, Mut zur Lücke: Voltaire, Kant? Nie gehört. Dafür gibt es eine Menge Griechen-Salat und einige nordische Geistesheroen. Und statt sich der Gedanken Blässe auszusetzen, inszeniert der norwegische Regisseur lieber nostalgische Idyllen, wie sie so detailliert im Buch nicht vorkommen: Eine einsame Hütte im Wald, in der Sofie im Spiegel ihr Ebenbild Hilde erblickt; geschmackvolle skandinavische Einrichtungen, und eben jene urgemütliche Wunsch-Bibliothek mit Bücherstapeln.

    Sofies Filmwelt hat einen bestrickenden Puppenstuben-Charme. Anachronismen gab es ja schon im Roman: Welches 14-jährige Mädchen von heute würde im Ernst einem unbekannten, älteren Mann vertrauen, der es mit merkwürdigen Briefen bombardiert und der sie dauernd zu beobachten scheint? Alberto (Thomas von Brömssen) wird, in höherem Auftrag, Sofies Führer durch die Welt des Geistes und erzählt ihr in chronologischer Reihenfolge, was westliche Philosophen gedacht haben.

    Im Film sind diese Exkurse untermalt mit Streiflichtern über die europäische Historie, die durch diese Verkürzung leider ein wenig den Geist von "Reader's Digest" atmet - hier ein mittelalterliches Kloster mit singenden Mönchen, dort fällt die Guillotine, hier winkt Leonardo, und Kopernikus lässt grüßen. So zerfleddert Geschichte in Geschichten, anekdotisch und oft ungenau wie jene von der "Mona Lisa", die aber erwiesenermaßen auf Leonardos berühmtem Gemälde gar nicht abgebildet ist. Aber Märchen sind ja auch was Schönes und stiften Identität.

    Geradezu wohlig räkelt sich der Film im alten europäischen Gemäuer und im abendländischen Kulturkreis, und die gelassene Sofie (Silje Storstein), immerhin mitten in der aufregenden Pubertät, hat schon Züge einer wahren Stoikerin. Nichts kann sie ernsthaft verblüffen, weder Albertos Metamorphosen noch die Zeitreisen noch die beunruhigenden Hinweise auf eine geheimnisvolle Macht, die die Fäden zieht in ihrem Leben. Leider hat die Verfilmung damit eine wunderbare Pointe des Romans ziemlich verschenkt, die viel lohnender darzustellen gewesen wäre als die Aufzählung großer Namen.

    Denn Sofie und Alberto sind nicht real - ihr Schöpfer ist ein UN-Offizier, der seiner Tochter Hilde aus dem Ausland schreibt und dabei immer neue Seiten eines selbst erdachten Romans mitschickt. Sofie und Alberto erkennen sich selbst als bloße Ideen und wollen ihrem allmächtigen Autorengott entwischen. Aber das ignoriert das Drehbuch weitgehend, nicht anders Gaarders ausführlichen Hinweis auf Sigmund Freud. Und damit erscheint "Sofies Welt" endgültig als ein hübsch anzusehendes, romantisch rückwärts gewandtes und ziemlich biedermeierliches "Alice im Wunderland", das die wirklich spannenden Dinge tunlichst unter dem Buch-Deckel hält.

    Birgit Roschy, AP

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