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  • Kritik: Hommage an einen Theaterguru

    Fotografien aus seiner Kindheit zeigen einen verträumten Jungen, der wie hinter einer Glaswand in seiner eigenen Seelenlandschaft unterwegs zu sein scheint. Die Aura des Geheimnisvollen hat sich Robert Wilson bis heute bewahrt.

    Die Bühnenwerke und Inszenierungen des scheuen, amerikanischen Starregisseurs werden seit Jahrzehnten in der ganzen Welt gefeiert. Der Künstler selber aber, der bahnbrechende Avantgardeprojekte schuf wie «Deafman Glance», «Einstein on the Beach» oder «Black Rider», blieb in seiner verschlossenen Art den meisten ein Rätsel. In ihrem Dokumentarfilm «Absolute Wilson» hat die Filmemacherin Katharina Otto-Bernstein nun ein Porträt des 65-Jährigen vorgelegt, das zugleich eine Hommage an den bildermächtigen Theaterguru ist.

    Fünf Jahre lang hat die Hamburger Regisseurin den Workaholic Wilson begleitet, hat Familie, Kollegen und Freunde interviewt, private Zeugnisse zusammengetragen und in vielen Ländern Theater- und Museumsarchive nach Bildmaterial von Wilsons Inszenierungen duchstöbert. Prominente wie der Musiker David Byrne, die Autorin Susan Sontag, der Komponist Philip Glass oder die Opernsängerin Jessye Norman kommen zu Wort. Die 105-minütige Montage aus Bildern, Videos und Zeichnungen erzählt im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit die Lebens- und Schaffensgeschichte Wilsons und gibt Auskunft über seine künstlerischen Wurzeln und den Motor seiner Kreativität.

    Dabei ist nicht zu übersehen, dass Otto-Bernstein ein Fan dieses außergewöhnlichen Künstlers ist. Ein analytisches Hinterfragen seines Werkansatzes unterbleibt. Ihr Dokumentarfilm ist daher eine Art Liebeserklärung, die vor allem theaterkundigen Wilson-Verehrern gut gefallen wird. Wie ein roter Faden zieht sich das beeindruckende Schlüsselinterview mit Wilson durch den Film. Otto-Bernstein musste dieses Gespräch mit dem verschlossenen, scheuen Regisseur ganz alleine führen. «Gegen drei Uhr morgens begann Bob zu erzählen und auf einmal machte alles Sinn - seine Arbeit, der Film, das Puzzle fügte sich auf magische Art zusammen. Er hat mich wahnsinnig berührt. Ich werde dieses Interview nie vergessen», sagt die Filmemacherin.

    Dazwischen gibt es eine wahre Informationsflut aus collagenartig zusammengesetzten Ausschnitten aus seinen Bühnenwerken, von Fotos, Zeitungsartikeln, Stimmen aus dem Off, Interviews mit Zeitzeugen - das Ganze meist unterlegt mit Musik.

    Wilson offenbart im Gespräch mit Otto-Bernstein seine schwere Kindheit, erzählt von seiner Lern- und Sprachbehinderung, von seinem strengen, erzkonservativen Vater, der kühlen, schönen Mutter und dem beengenden Milieu im rassistisch geprägten Waco in Texas. «Ich war sehr langsam beim Lesen, beim Ballspielen, bei allem. Es ist eine Störung bei der Verarbeitung von Umwelteindrücken. Jetzt begreife ich es. Damals verstand ich es nicht und meine Eltern genauso wenig, daher hatte ich eine recht schwierige Kindheit.» Deutlich wird seine tragische, nie gestillte Sehnsucht nach der Anerkennung durch seinen Vater, aber auch seine Fähigkeit, trotz allem über sich zu lachen.

    Bewegende Momente gibt es immer wieder: Seine Dankbarkeit der Tanztherapeutin Byrd Hoffman gegenüber, die ihn durch konzentrierte, verlangsamte Wahrnehmung von seiner Kommunikationsstörung heilt, Wilsons Bericht über den Sanatoriumsaufenthalt nach seinem Selbstmordversuch, die befreiende Atmosphäre der lebendigen New Yorker Künstlerszene der 60er Jahre und seine Faszination von behinderten Menschen, deren Handicaps er nie als Mangel sondern immer als Stärke versteht. Viele kennzeichnende Aspekte seiner Bühnenarbeiten erschließen sich so aus Wilsons Vergangenheit.

    Die Anerkennung seines Vaters konnte er aber auch als bereits weltweit gefragter Regisseur nicht erringen. «Mein Vater sah sich "Einstein on the Beach" in der Metropolitan Opera an. Es gab eine halbe Stunde lang standing ovations und er sagte: "Das ist wirklich beeindruckend, du musst damit ja sehr viel Geld verdienen." Ich antwortete: "Nein, das tue ich nicht. Ich habe 100 000 Dollar Schulden." Er meinte: "Ich wusste gar nicht, dass Du intelligent genug bist, um 100 000 Dolar Schulden zu machen." Das ist das Netteste, was er je zu mir gesagt hat.»

    Brita Janssen, dpa

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