40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Hollywoods Jenseits-Romanze
  • Kritik: Hollywoods Jenseits-Romanze

    Ein Film, wie geschaffen für den grauen November diesen Jahres: Es wird solange gestorben, bis der Zuschauer im strikt geteilten Reich der Toten ist. Dann ist er "Hinter dem Horizont", wie der 106minütige amerikanische Film betitelt ist, der am 26. November in den deutschen Kinos anläuft.

    Es ist ein Erlebnis der besonderen, gleichsam esoterischen Art. Und so werden sich die Geister und Geschmäcker am Gebotenen krass scheiden: Die einen dürften es als unerträglich grellfarbigen Kitsch erleiden, die anderen hingegen werden mit den Tränen kämpfend die unendliche Tragik eines glücklichen Paares nachempfinden.

    Der renommierte Drehbuchautor Ron Bass und der neuseeländische Regisseur Vincent Ward zeigen in ihrem Film die Geschichte des liebenswerten Kinderarztes Chris, der mit seiner schönen Frau Annie den schwersten aller Schicksalsschläge ertragen muß. Denn das Ehepaar, eine Verbindung zutiefst Seelenverwandter, hat seine beiden reizenden Kinder bei einem Unfall verloren. Annie überlebt danach einen Selbstmordversuch und findet zur Malerei. Chris gibt ihr den Lebensmut zurück, doch als alles wieder sich zum Guten zu wenden scheint, wird auch der Arzt von einem Auto in den Tod gerissen.

    Von nun an bewegt sich das Geschehen im Reich der Spekulation, also dem, was wir nicht kennen, das aber unsere tiefste, sehnsüchtigste Neugier erregt. Es ist das Reich der toten Seelen, die Welt 'hinter dem Horizont'. Natürlich landet ein so edler Mensch wie Chris nicht in der düsteren Abteilung, die als Hölle gefürchtet wird, sondern in den blühenden Wundergärten des Paradieses. Aber was will der Mann dort, wo er doch so sehr seine im Diesseits verzweifelnde Frau vermißt? Annie kann derweil den Verlust ihres Gefährten nicht verwinden. Diesmal legt sie mit Erfolg Hand an sich. Doch Selbstmördern sind die Tore des Paradieses verwehrt, für sie öffnen sich die Flammenpforten der Hölle.

    Es versteht sich, daß Chris nichts unversucht läßt, den Abgrund, der die beiden Abteilungen des Jenseits trennt, zu überwinden. Die Macht der großen, außergewöhnlichen Liebe ist, so besagt es eine romantische Menschheitshoffnung, am Ende doch stärker als der Tod. Der 42jährige Regisseur, in Hollywood als Hoffnung gehandelt, hat sich in seiner ersten großen Kinoproduktion ein ehrgeiziges Projekt ausgewählt. Denn er führt in visuelle Welten, über die es zugleich kulturell und religiös eindeutige wie auch ganz verschiedene Vorstellungen gibt.

    Wards Himmel und Hölle, das sind trotz des tricktechnischen Aufwands mit der ineinanderfließenden Kombination computeranimierter und realer Bildelemente wenig überraschende Orte. Im Paradies schweben schöne Seelen in heilen Körpern schwerelos durch die Lüfte über impressionistische Traumlandschaften. Die Hölle hingegen ist eine Gruselstätte, in der auf einem riesigen Feld nur die bleichen Köpfe der Verfluchten mit verzerrten oder erloschenen Gesichtern aus einem verschlingenden Moor herausschauen. Die großartigste, bewegendste Szenen des ganzen Films zeigt, wie Chris auf der Suche nach der Geliebten mit wehendem Mantel über diese Köpfe rennt.

    Doch soviel Einfallsreichtum entwickelt der überambitionierte Film ansonsten kaum. Die Tragödie der Familie und eines Ehepaares drückt zu dreist auf die Tränendrüsen. Und Robin Williams in der Rolle des Kinderarztes menschelt oft genug unsäglich. Dieser Schauspieler ist oft glänzend als Komiker, gut als verständnisvoller Pädagoge, aber diesmal fehlbesetzt. Annabella Sciorra als seine Frau Annie zeigt dagegen jenen traurigen Ernst, der ihrem Los angemessen ist. Der alte Max von Sydow darf seinen Charakterkopf als mysteriöser Spurensucher zeigen, der schwarze Cuba Gooding und die chinesischstämmige Rosalind Chao bürgen dafür, daß Amerikas wichtige Minoritäten vertreten sind.

    Auch in den Dialogen geht es sehr amerikanisch zu. Denn natürlich gibt es selbst im Jenseits für einen Mann aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten kein Hindernis, das er akzeptiert. In diesem Geist beginnt Chris seinen langen Marsch, um Annie aus der Hölle zu sich und den Kindern ins Paradies zu geleiten. Dabei, diesen Eindruck wird man nicht los, ist das irgendwie ein ziemlich langweiliger Ort in Wards Film. Die Hölle kommt uns "Tagesschau"-Konsumenten viel vertrauter vor. Gerade darin indessen wurzelt die Schwäche des Films: Triviale Emotionen plus triviale Phantasien ergeben vielleicht einen Kassenerfolg, aber kein großes Kino.

    Wolfgang Hübner, AP

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Bettina Tollkamp

    Bettina Tollkamp

    Chefin v. Dienst

    E-Mail

    Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    Das Wetter in der Region
    Samstag

    4°C - 8°C
    Sonntag

    6°C - 9°C
    Montag

    4°C - 8°C
    Dienstag

    5°C - 7°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!