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  • Kritik: Hollywoods Blindgänger des Jahres

    Produzent Bruckheimer hat sich überhoben

    Denn das lauthals schon seit Monaten angepriesene "Ereignis des Jahres" entpuppt sich als Desaster, mit dessen Etat von über 300 Millionen Mark man gleich Dutzende Filme hätte herstellen können, von denen keiner so missraten wäre wie diese Inszenierung von Michael Bay. Allzu offensichtlich war von Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer beabsichtigt worden, mit dem amerikanische Kriegstrauma "Pearl Harbor" den Welterfolg von "Titanic" zu toppen oder doch zumindest zu wiederholen. Doch dieser ohnehin etwas größenwahnsinnige Versuch ist missglückt, künstlerisch wie absehbar auch kommerziell.

    Bay zeigt die Geschichte zweier Freunde aus dem ländlichen Amerika, die nur einen Wunsch haben: Sie wollen Flieger werden. Solche Männer sind bei der US-Luftwaffe am Vorabend des Zweiten Weltkriegs willkommen. Noch vor dem Kriegseintritt meldet sich Rafe, gespielt von dem stets völlig teilnahmslos wirkenden Ben Affleck, als Freiwilliger bei den Briten, um Hitlers Stukas (Sturzkampfflugzeuge) zu dezimieren.

    Danny, verkörpert von dem melancholisch dreinblickenden Josh Hartnett, bleibt zurück. Zurück bleibt auch die hübsche Krankenschwester Evelyn (Kate Beckinsale). Sie wie auch Danny werden zum US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii versetzt.

    Dort erreicht beide die Nachricht, dass Rafe überm Kanal abgeschossen wurde und als tot gilt. Nach einer kurzen Schamfrist finden die Trauernden zusammen, bald trägt Evelyn ein Kind von Danny unter dem Herzen. Längst jedoch braut sich verheerendes Unheil über dem Palmenparadies zusammen. Denn die hinterlistigen Japaner planen einen Überfall auf die nichts ahnenden Amerikaner.

    Noch bevor dieser Weltgeschichte macht, taucht der totgeglaubte Rafe in Pearl Harbor auf, französische Fischer hatten ihn aus der See gerettet. Natürlich kommt er gerade richtig, denn nun geht auch für sein Vaterland die Action los.

    Als an dem 7. Dezember 1941 Schwärme japanischer Flieger Tod und Zerstörung nach Pearl Harbor bringen, schlafen die Freunde gerade ihren Rausch nach einer Zechtour im Auto aus. Sie haben sich, obwohl Rivalen in der Gunst Evelyns, rechtzeitig versöhnt, um tollkühn in den nächsten Flieger zu springen und wenigstens einige der Nippon-Bomber abzuschießen. Derweil zeigt der gelähmte Präsident Roosevelt im fernen Washington erst seine Bestürzung, dann aber Härte: Amerika wird zurückschlagen. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 waren der furchtbare Schlusspunkt der amerikanischen Rache für Pearl Harbor.

    Die Filmhandlung endet jedoch mit einem der ersten Angriffe der US-Luftwaffe auf japanisches Festland. Mit von der Partie sind selbstredend die Helden Rafe und Danny. Letzterer muss das mit dem Leben bezahlen. Aber zu diesem Zeitpunkt sitzt der Zuschauer schon fast drei Stunden im Kino und ist total entnervt von dem klebrig-süßlichen Musikbrei, den Oscar-Preisträger Hans Zimmer angerührt hat. Peinigend auch die blassen Hauptdarsteller, deren bevorzugter Ton ein brüchiges Flüstern ist. Wie hätte Amerika mit einer solch weinerlichen Generation wohl den Krieg gewinnen können?

    Der erfolgreiche Werbefilmer Bay filmt so, wie er es gelernt hat, also gelackt, ohne Tiefe, ohne jede künstlerische Haltung. Bei seinen bisherigen Arbeiten "The Rock" oder "Armageddon" fiel das nicht so ins Gewicht, wohl aber bei "Pearl Harbor". Ihm einen Vorwurf zu machen, wäre gleichwohl verkehrt. Denn Bay kann es sicher einfach nicht besser und hat immerhin den bislang "aufwendigsten Film aller Zeiten" in Szene gesetzt. Zweifellos steckt viel Arbeit eines riesigen Teams in diesem Streifen. Zweifellos sind die Bilder vom Angriff beeindruckend, an der Ausstattung ist sichtlich nicht gespart worden.

    Und doch fügt sich das alles nicht zusammen zu einem Kinoerlebnis, das bewegt, mitreißt oder doch zumindest Staunen macht. "Pearl Harbor" sollte der größte Film der Geschichte werden, es ist aber nur ein schlechter, ziemlich langweiliger Film mit klischeehaften Charakteren geworden. "Pearl Harbor" sollte auch ein Hohelied auf Amerikas Patriotismus, die Helden der Großvätergeneration werden. Aber schlechte Filme schaden dem Patriotismus mehr, als sie ihm nützen. Die Opfer des 7. Dezembers 1941 hätten Besseres verdient gehabt als diese Schmonzette von Produzent Jerry Bruckheimer, der sich ganz einfach völlig überhoben hat.

    Wolfgang Hübner, AP

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