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  • Kritik: "Hölzern und ohne Magie"

    Wenn ein 50 Jahre alter Schauspieler mit Halbglatze im Film einen kleinen Lausbuben spielt, ist das ein echtes Wagnis. Wenn der Lausbub Pinocchio heißt und eine Holzpuppe mit ellenlanger Nase ist, steigt das Risiko erheblich. Und wenn es sich bei dem Schauspieler um Roberto Benigni handelt, der einen ganzen Film lang im Clownkostüm herumzappelt und versucht, ein verdutztes Kindergesicht zu machen, ist irgendwas schwer daneben gegangen.

    Jetzt droht dem Italiener für seinen neuen Streifen "Pinocchio" die Goldene Himbeere für den schlechtesten Film des Jahres. Denn viel zu lachen gibt es darin nicht.

    Allein schon die erste Szene: Da schnitzt der Schreiner Geppetto eine Marionette, die, ehe er sich versieht, lebendig wird. Doch im Film erwacht nicht eine Holzpuppe und versetzt ihrem Schöpfer einen Fußtritt, sondern auf dem Tisch des Schreiners liegt eine halbe Portion von einem Mann im bunten Strampelanzug und vollführt hölzerne Bewegungen, die einen Fußtritt markieren sollen. Das finden nicht mal Kinder komisch. "Das ist der schwerste Film meines Lebens", bekannte der Regisseur einmal freimütig - das Risiko war ihm also durchaus bewusst.

    40 Millionen Euro investiert, um "Pinocchio" zu sein

    Schon Benignis "Das Leben ist schön" war ein gewagtes Unternehmen. Doch die bitterböse Komödie über Vater und Sohn im Nazi- Konzentrationslager glückte: Dem Zuschauer gelang es, über die Spiele im KZ zu lachen, aber von der Realität des Nazi-Grauens ging nichts verloren. In seinem neuen Film ist es anders: Der Zauber des Pinocchio-Märchens über die Marionette, die um alles in der Welt zum "richtigen Jungen" werden will, ist verloren gegangen. Stattdessen bietet Benigni dem Zuschauer einen schmalbrüstigen Zappelphilipp, der hysterisch "Papa, Papa" schreit und wie ein verkleideter Roberto Benigni durch den Film hüpft.

    Seit Jahrzehnten ging der Regisseur mit seinem Projekt über die uritalienische Figur schwanger, 40 Millionen Euro hat er in den Film investiert. "Ich möchte, dass sich die Leute geborgen fühlen und sich küssen, wenn sie aus dem Kino kommen", ließ er wissen. Höchste Weihen hatte der Filmtraum von Federico Fellini erhalten. "Auf seinem Sterbebett sagte er mir: Du musst Pinocchio machen", erzählte Benigni - das war 1993.

    Metapher für die gesamte italienische Gesellschaft

    "Pinocchio - ein echter Italiener", schrieb die italienische Wochenzeitung "Panorama", die dem Film ihre Titelstory widmete. "Einfallsreich bis zur Lügensucht, eitel, verlogen, unduldsam und zugleich Konformist." Eben einer, der sich durch die Tücken des Alltags und des Lebens fantasievoll durchwurschtelt. In dem 1880 erschienenen Märchen des Schriftstellers Carlo Collodi erkennen sich die Italiener wieder. "Eine Metapher für die gesamte italienische Gesellschaft, auch heute noch", kommentiert ein Psychologe die Irrungen und Wirrungen der Holzpuppe. Fast so etwas wie Gesellschaftskritik, etwa wenn die Richter den armen Pinocchio verurteilen: "Diesem armen Teufel hat man vier Goldmünzen gestohlen, schnappt ihn und steckt ihn ins Gefängnis."

    Zu viel vom Kasper Benigni

    Doch die hintersinnigen Interpretationen machen den Film nicht erträglicher. "Viele Zuschauer wissen einfach nicht, was sie davon halten sollen", meinte ein Kritiker aus den USA, wo der Film ein Flop wurde. In Italien hingegen war "Pinocchio" ein Blockbuster, doch viele Besucher räumten dort ein, von dem Film schwer enttäuscht gewesen zu sein. Italienische Kritiker, die ansonsten eher pfleglich mit ihren Stars umgehen, meinten denn auch: "Pinocchio tanzt, lacht und weint, aber dem Film fehlt es irgendwie an Magie." Dafür hat er etwas zu viel vom Kasper Benigni.

    Peer Meinert, dpa

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