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  • Kritik: Helge Schneiders Hitler als Lachnummer

    Hitler hat nahe am Wasser gebaut. Er ist impotent, Bettnässer und leidet noch immer unter den Misshandlungen durch seinen Vater. Und als ob das nicht genug wäre, ist der «totale Krieg total verloren». Da fließen schon mal Tränen.

    Hitler war ein menschenverachtender Diktator - aber auch eine zutiefst lächerliche, armselige Figur. Es ist wird also Zeit, dass wir anfangen über ihn zu lachen. Dani Levy - ein Schweizer Jude - hat jetzt erstmals eine aufwendig inszenierte, deutschsprachige Komödie über Hitler gedreht. In den Hauptrollen der Komiker Helge Schneider als Hitler und der gerade als «Bester Europäischer Schauspieler» ausgezeichnete Ulrich Mühe als sein Schauspiellehrer Adolf Grünbaum.

    Hitler ist ein Häufchen Elend. Auf keinen Fall ist der «Führer» in diesem Zustand in der Lage, sein Volk mit einer kämpferischen Rede zum «Endsieg» zu motivieren. Propagandaminister Goebbels, glänzend gefährlich und schmierig gespielt von Sylvester Groth, lässt deshalb Grünbaum aus dem KZ holen. Er soll aus Hitler wieder den Hass und die Wut herauskitzeln. «Wo haben wir Sie denn aufgestöbert», fragt Goebbels. «Sachsenhausen», antwortet Grünbaum. «Das mit der Endlösung müssen sie nicht gegen sich persönlich nehmen», sagt Goebbels jovial und weiht den Schauspieler dann in seinen Plan ein.

    Im deutschen Film trat Hitler vor zwei Jahren zum ersten Mal in Bernd Eichingers Bunker-Film «Der Untergang» auf. Unwillkürlich vergleicht der Zuschauer den bei Eichinger von Bruno Ganz gespielten Hitler mit Levys Hitler-Darsteller Schneider. Doch wo Eichinger ganz auf historische Fakten setzte, geht Levy («Alles auf Zucker!») einen Schritt weiter. «Ich will die zersetzen, ich will die runterholen von jeder Form von Glaubwürdigkeit, Größe und denkmalgeschützter Steinernheit», sagt er über die in seinem Film zu Lachnummern mutierten Nazi-Größen.

    «Hier in Deutschland wird so oft in Dokumentationen und Spielfilmen dem gehuldigt, was die Nazis angerichtet haben», meint Levy. «Nicht positiv, durchaus kritisch - aber mit so einer dokumentarischen Ehrfurcht vor der Wahrheit und der Realität. Da wollte ich mich nicht darauf einlassen.» Er will an die Tradition von Filmen wie Chaplins «Der große Diktator», Lubitschs «Sein oder Nichtsein» oder Benignis «Das Leben ist schön» anknüpfen. Um ganz große Kunst zu sein, fehlt Levys «Führer» allerdings das letztes Quäntchen Schärfe und Bissigkeit, die entscheidende Mischung von Komik und Tragik.

    Seine filmische These vom traurigen, missbrauchten Hitler stützt Levy, der auch das Drehbuch schrieb, auf die Psychologin Alice Miler. Sie beschrieb in ihrem Buch «Am Anfang war Erziehung» einen direkten Zusammenhang zwischen frühkindlichem Erlebten und dem zwanghaften Reproduzieren im Erwachsenenalter. Wie er auf Schneider als Hitler kam, weiß der Regisseur selbst nicht so genau. «Es war - auch wenn es bescheuert klingt - Intuition.» Schneider saß vor jedem Dreh drei Stunden in der Maske, und dennoch blitzt der echte Schneider-Humor bei jedem Wort des «Führers» durch. Ohne Vorbehalte hat sich Schneider an die Rolle herangewagt - und gewonnen.

    «Ich bin ein Krisenfall», sagt Hitler und vertraut sich seinem Lehrer mit Haut und Haaren an. Der lässt den Diktator im senfgelben Sportanzug Liegestützen machen und schielt dabei immer wieder auf eventuelle Mordwerkzeuge wie Brieföffner und Briefbeschwerer. Mühe spielt Grünbaum als zurückhaltenden, abwartenden Menschen. Immer schlechter kann er seiner auch in der Reichskanzlei untergebrachten Familie erklären, warum er Hitler nicht tötet, sondern Mitleid mit ihm hat. Am Ende muss er seinen kurzfristig sprachlos gewordenen Schüler bei der großen Rede vor dem Volk doubeln, und die Geschichte wendet sich noch einmal.

    Levys Film lebt vor allem von witzigen Details. Da gibt es Hitlers Schäferhund Blondi, der brav die Pfote zum Hitlergruß hebt. Der Diktator schläft in einem irren Bett inklusive Reichsadler, versagt beim Beischlaf mit Eva Braun (Katja Riemann) aber komplett. Speer muss bei seinem vertraulichen Gespräch mit Hitler auf dem Marmor-Klo Platz nehmen, während der «Führer» in der Badewanne mit einem Kriegsschiff spielt. Alle Nazis haben extreme Schwierigkeiten mit ihren endlosen Ämterbezeichnungen und den vielen Formularen. Und als Hitler die Angst vollends übermannt, schlüpft er ins Bett der Grünbaums und macht es sich im «Gräbele» zwischen den jüdischen Eheleuten bequem.

    Von Elke Vogel, dpa

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