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  • Kritik: Heimatfilm aus der Fremde

    Paskaljevic Zu Hause in Belgrad dürfte es dem Regisseur und seinem Autor gegenwärtig wohl kaum möglich sein, ohne politische Implikationen darüber reden, was Heimat jenseits aller nationalen Fragen ist oder sein könnte. Goran Paskaljevic und Gordan Mihic gingen vermutlich auch deshalb mit ihrem Projekt nach Brooklyn, weil es dort für einen, der kein Amerikaner ist, keinen Unterschied macht, ob er aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt oder aus Andalusien.

    Das Wichtigste ist zunächst, die 'Green Card' zu bekommen. Alonso hat sie - im Gegensatz zu Bayo. Also putzt der Mann aus Montenegro die Kneipe des Spaniers und bekommt dafür ein Dach über dem Kopf. Der Ort ist nur bedingt von Bedeutung. Es geht, wie der Originaltitel Someone Else's America signalisiert, um das Amerika der anderen. Die Doppeldeutigkeit hat ihren Sinn: Den beiden Immigranten wird dieses Land nie gehören - aber 'ihr' Amerika ist umgekehrt auch nicht jenes, in dem die USA präsent sind. Die Welt der WASPS von Manhattan bleibt eine ferne Skyline, und vermutlich empfinden weder Bayo noch Alonso in ihrem Mikrokosmos die geringste Sehnsucht danach.

    'Home is where the heart is', heißt es bei den Iren, die was vom Auswandern verstehen. Die Situation von Paskaljevics Helden ist komplizierter: sie wissen nicht einmal, wo ihr Herz ist. Im Moment gilt es, die Gegenwart zu überstehen. Sie leben in einem Zwischenreich, haben sich von der Vergangenheit gelöst, aber noch keine Bindung an die Zukunft gefunden. Und so gehören die beiden auch einer Zwischengeneration an; Väter haben sie nicht mehr, und die Mütter halten mit ihren Gefühlen hartnäckig an der alten, verlorenen Heimat fest. Erst die nächste Generation, der wie Bayos Sohn Luka schon zu Hause das Heimatgefühl abhanden kam, wird sich durchsetzen: ohne Emotionen, ohne Skrupel, pragmatisch und smart.

    Luka, der mit Mutter und Geschwistern illegal über Mexiko nachkommt, scheint es wenig auszumachen, daß sein kleiner Bruder im Rio Grande ertrinkt. Während der Verlust des Kindes Bayo fast den Lebenswillen raubt, scheint Luka die Regeln des american way of life bereits in der alten Heimat gründlich gelernt zu haben. Er wird sogar den Absprung von Brooklyn schaffen und der legendären Devise 'go west, young man!' folgen.

    Alonso und Bayo sind, das wissen sie, Verlierer, und entsprechend haben sie ihre Glücksvorstellungen reduziert. Die unglücklichen Erfahrungen mit den Frauen hat der eine schon hinter sich, der andere macht sie gerade. Große epische Geschichte finden in dieser Enge keinen Raum. Paradies, Brooklyn konzentriert sich auf die kleinen Ereignisse des Alltags, auf kurze Episoden. Und wenn die lange, parallel montierte Reise von Bayos Restfamilie in Brooklyn ihr vorläufiges Ende nimmt, muß der Regisseur seine Figuren energisch in Gang setzen, damit die Geschichte nicht vollends zum Stillstand kommt. Bayo sucht seinen Sohn an den Ufern des Rio Grande, Alonso brennt mit seiner großen, aber verheirateten Liebe durch, und Luka geht nach Kalifornien.

    Paskaljevic läßt seine Sequenzen immer wieder mit kurzen Brennweiten filmen. Der Blick reicht nur selten hinaus über den Mikrokosmos, in dem sich seine Helden einzurichten versuchen. Totalen, die das Gefühl von Freiheit evozieren könnten, gibt es nur von der alten, verlorenen Heimat; schon das ferne Manhattan wird von den Vordergründen beeinträchtigt, Grabsteinen etwa. Die Ruhe in den Bildern, die selbst vom Einsatz der Handkamera so gut wie nicht gestört wird, erzeugt eine wunderbare Spannung zu den schwankenden Emotionen der Figuren.

    Paradies, Brooklyn ist ein zutiefst europäischer Film aus Amerika, der immer wieder die Zusammenhänge zwischen der gestörten Identität seiner Helden und ihrer Heimatlosigkeit reflektiert. Da ist es kein Wunder, wenn jene sich immer wieder an Objekte klammern: Die Mütter wollen wenigstens Requisiten ihres alten Lebens haben, einen Baum, einen Brunnen, ein Tier; sogar Bayo scheint für seinen Hahn intensivere Gefühle zu hegen als für seinen cleveren Sohn Luka. Am Ende aber, das gibt noch der Notlösung des Finales ihre Berechtigung, sind es doch die menschlichen Beziehungen, die die Heimat ausmachen.

    Paskaljevic weiß, wovon er erzählt: 'Ich fühle mich auf bestimmte Weise heimatlos; mein Zuhause ist im Moment Paradies, Brooklyn, und der nächste Film, den ich mache, wird mein nächstes Zuhause sein.' Sein Autor Gordan Mihic schrieb einst Die Ratten erwachen, einen jener Filme, mit denen in den späten Sechzigern Jugoslawiens junge Cin�asten gegen den sozialistischen Alltag im Reich Titos revoltierten. Der griechische Kameramann Yorgos Arvanatis hat für Angelopoulos Landschaft im Nebel und Der schwebende Schritt des Storches gedreht. Die Darsteller und selbst noch der Cutter kommen aus Europa: Noch die Dreharbeiten müssen die Erfahrung der Figuren reflektiert haben. Auch dies hat dazu beigetragen, daß Paskaljevic eine Komödie glückte, in der sich Zorn und Melancholie, Sentimentalität und Ironie vereinen zu einem Heimatfilm aus der Fremde.

    HGP SOMEONE ELSE'S AMERICA. Frankreich/BRD/GB 1995 - Regie: Goran Paskaljevic. Buch: Gordan Mihic. Kamera: Yorgos Arvanitis. Schnitt: William Diver. Musik: Andrew Dickson. Darsteller: Tom Conti, Miki und Zorka Manojlovic, Maria Casares. Verleih: Nil. 91 Minuten.

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