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  • Kritik: Heavy Metal inmitten der Provinz

    Weizen weht im Wind, Kühe muhen, kaum ein Auto ist unterwegs. «Freu Dich, Du bist in Wacken» steht einladend auf einem großen Schild. Die dörfliche Idylle in dem schleswig-holsteinischen 2000-Seelen Dorf scheint perfekt zu sein.

    Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm: Einmal im Jahr findet hier das Wacken Open-Air Festival statt und lockt zehntausende Heavy-Metal-Fans aus aller Welt in das beschauliche Örtchen. Zwei völlig unterschiedliche Kulturen prallen aufeinander. In ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm «Full Metal Village» gibt die südkoreanische Regisseurin Sung-Hyung Cho einen präzisen und behutsamen Einblick in das Dorfleben und die Abhängigkeit der Bewohner von dem jährlichen Ereignis.

    Die Idee für die ungewöhnliche Doku bekam die Filmemacherin vor einigen Jahren, als sie auf ein Foto in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» stieß: «Da habe ich dieses Bild entdeckt in der Zeitung, auf dem vier gut aussehende Männer zu sehen waren: Oberkörper nackt, voll tätowiert, in schwarzen Lederhosen mit Ketten und Nietengürtel und lange Haare bis zum Arsch, und davor saß ganz brav eine Kassiererin mit Kurzhaarschnitt und Perlen-Ohrringen.»

    Fasziniert von diesen Kontrasten beschloss die Regisseurin, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und stieß schon bald auf eine Symbiose zwischen dem Leben im Dorf und dem Festival. So sind viele Einwohner von der traditionellen Landwirtschaft abgekommen und haben das Ereignis als feste Einnahmequelle für sich entdeckt: Ein Bauer ist gleichzeitig auch Chefordner auf dem Festival; der kleine Supermarkt macht zur Festivalzeit so viel Umsatz wie sonst im ganzen Jahr nicht.

    Fast nebenbei fungiert der Film auch als Lehrstück über die Landwirtschaft und das Leben auf dem Dorf. Wenn Bauer Trede und seine Frau auf plattdeutsch miteinander reden, wird mit Untertiteln übersetzt. Und auch über den Unterschied von Kälbern, Kühen, Ochsen, Jungtieren und Bullen klärt ein älterer Bauer die Zuschauer auf. Im Gegensatz dazu steht die Trostlosigkeit, die das Leben auf dem Dorf mit sich bringen kann.

    Vorsichtig nähert sich die Regisseurin diesem komplexen Thema und lässt die Menschen einfach erzählen. Präzise eingesetzt ist besonders an diesen Stellen die Musik, die dem Zuschauer zeigt, wie die jeweiligen Szenen zu verstehen sind. Der arbeitslose Handwerker hat kaum eine Möglichkeit, eine neue Beschäftigung zu finden; die Jugendlichen nutzen jede Möglichkeit, um dem tristen Alltag auf dem Bauernhof zu entkommen. Da kommt das Wacken Open-Air gerade recht.

    Wer jedoch erwartet, dass «Full Metal Village» ein Film über das Festival im engeren Sinn ist, wird enttäuscht werden. Lediglich im letzten Drittel wird das eigentliche Festival dokumentiert, es kommt aber kein einziger Metal-Fan zu Wort. Immer wieder stehen die Dorfbewohner im Mittelpunkt, etwa wenn das Orchester alte Volkslieder spielt und einige hundert Metal-Anhänger vor der Bühne stehen und «headbangen». Der Film steckt voller Witz und verliert trotzdem nicht sein Ziel aus den Augen: Es ist und bleibt eine Dokumentation und ein Heimatfilm, der das Leben auf dem Dorf nicht besser hätte widerspiegeln können.

    Maren Beneke, dpa

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