40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Großer Film über das Töten
  • Kritik: Großer Film über das Töten

    Aus dem skrupellosen Filmproduzenten auf der Leinwand ist ein bedachter Regisseur hinter der Kamera geworden: Unter der Regie von Robert Altman spielte Tim Robbins einen Hollywoodproduzenten, der in einen Film über die Todesstrafe investiert. Als dieser Film am Ende von The Player fertig ist, stürmt Bruce Willis in die Todeszelle wie einst die Westerner, die einen Verurteilten noch in letzter Sekunde vom Galgen retteten und reißt Julia Roberts vom elektrischen Stuhl. Vier Jahre später scheint es fast, als würde Tim Robbins nun jenen Film selbst in die Hand nehmen, den die beiden jungen enthusiastischen Drehbuchautoren in The Player im Sinn hatten, bevor sie von Hollywood korrumpiert wurden.

    In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders: Susan Sarandon hatte das Buch der Nonne Helen Prejean gelesen, in dem diese ihre Erfahrungen als Seelsorgerin von Todeskandidaten verarbeitet hatte, und es dann ihrem Lebensgefährten Tim Robbins ans Herz gelegt. Im Leben regiert eben doch eher der Zufall.

    Ganz zufällig gerät auch Sister Helen in den Sog dieser düsteren Geschichte. Im Vorübergehen bittet ein Kollege die Nonne, auf den Brief eines Todeskandidaten zu antworten. Ganz selbstverständlich erklärt sie sich dazu bereit. Was so als beiläufige Verrichtung im Alltag einer sozial engagierten Nonne im Süden der USA beginnt, wird deren Wahrnehmung der Welt grundlegend verändern. Die wirkliche Sister Helen gab in der Folge die Sozialarbeit in den Slums von New Orleans auf und widmete sich ganz dem Schicksal der Todeskandidaten .

    'Er wird auf jede nur erdenkliche Weise versuchen, Sie auszunutzen', warnt der Gefängnispfarrer Sister Helen (Susan Sarandon) vor Matthew Poncelet (Sean Penn). Doch die bleibt hilfsbereit und offen und entsprechend verwundbar. Sie schluckt, als sie mit den Greueltaten ihres Schützlings konfrontiert wird, doch sie erklärt sich bereit, einen Anwalt zu besorgen, der für ihn in die Berufung geht. Doch die wird abgewiesen. Darum sagt Helen zu, als Matthew sie bittet, ihn auf seinem Weg in den Tod zu begleiten.

    Sister Helen Prejean trägt schlichte, helle Kleider, aber keine Ordenstracht. Rein äußerlich sieht man ihr nicht an, daß sie eine Nonne ist. Und ebensowenig kann man sicher sein, daß der Mann in der Todeszelle tatsächlich ein Mörder ist: Dead Man Walking handelt auch davon, wie fließend die Übergänge sind; daß man sich, wenn es um Leben und Tod geht, niemals in Sicherheit wiegen kann. Selbst Sister Helen schlägt wegen ihrer Nächstenliebe offener Haß entgegen.

    Dabei muß die Nonne nicht nur zwischen der impulsiven Grausamkeit eines Mörders und der kalten Berechnung der gerichtlich verordneten Todesstrafe vermitteln, sondern auch zwischen den ganz gegensätzlichen Empfindungen der Angehörigen und der Hinterbliebenen. Als ihr Schützling dann auch noch vor laufenden Kameras Naziparolen von sich gibt, reagieren selbst die Mitglieder der überwiegend schwarzen Südstaatengemeinde empfindlich.

    Dead Man Walking ist die zweite Regiearbeit von Tim Robbins; man spürt, daß er sich als Schauspieler weniger für die physische Action des Verbrechens interessiert als für die Spuren, die es in der Psyche aller Betroffenen hinterläßt. Das Verbrechen - Vergewaltigung und Mord an einem Teenagerpärchen - flackert nur am Rande auf . Das eigentliche Drama spiegelt sich in den Gesichtern der Darsteller. Die Beherrschung, die der Nonne auferlegt ist, und die physischen Restriktionen, die den Häftling in Schach halten, zwingen auch die Schauspieler dazu, ihre Gefühle vorsichtig zu dosieren.

    Wider die physische Distanz, die die Gitterstäbe der Nonne und dem Mörder auferlegen, entsteht zwischen den beiden eine Vertrautheit, die Züge einer Liebesbeziehung annimmt, ohne sich je auf spekulative Zweideutigkeiten einzulassen. Als Poncelet am Ende in eine andere Zelle verlegt wird, da verbinden sich ihre Gesichter sogar in der Reflexion auf der Plexiglastrennwand. Da ist aber schon klar, daß es weniger die Handschellen und die Gitter sind, die den Gefangenen zwingen, Zweifel und Ängste zu unterdrücken, als vielmehr sein Arme-Leute- Stolz und seine White-Trash-Arroganz.

    Während das am Anfang des Films aufgezogene Uhrwerk unerbittlich abläuft, bringt der wachsende Druck die äußere Fassade zunehmend zum Bröckeln. Beide Schauspieler wurden für ihre besonderen Leistungen ausgezeichnet, Sean Penn mit dem Goldenen Berliner Bären und Susan Sarandon mit dem lange verdienten Oscar.

    Bei Tim Robbins gibt es nicht die übliche Rettung in letzter Sekunde; selbst die vage Möglichkeit der Unschuld wird ausgeschaltet. Bis zum Ende, bis der Verurteilte seinem Tod entgegenläuft, muß die Schwester gehen, und mit ihr der Zuschauer. Robbins geht sogar über Kieslowskis Kurzen Film über das Töten hinaus: Er stellt nicht nur die Todesstrafe als kühl kalkulierten und mechanisch vollzogenen Mord hin, er zeigt auch die schmerzliche Unversöhnbarkeit aller Betroffenen.

    USA 1995 - Buch und Regie: Tim Robbins. Kamera: Roger A. Deakins. Schnitt: Lisa Zeno Churgin. Musik: David Robbins. Darsteller: Susan Sarandon, Sean Penn, Robert Prosky, Raymond J. Barry, R. Lee Ermey, Celia Weston. Verleih: Pandora Film, 120 Minuten.

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Freitag

    1°C - 8°C
    Samstag

    5°C - 7°C
    Sonntag

    5°C - 9°C
    Montag

    3°C - 7°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!