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  • Kritik: Großaufgebot neuer junger Darsteller in Komödie über DDR

    Vielen galt die vor einem Jahrzehnt verblichene DDR als langweiligstes Land unter der Sonne. Diese Auffassung muss nach dem Besuch von Leander Haußmanns Kinodebüt "Sonnenallee" korrigiert werden. Denn der etwas andere deutsche Staat jenseits von Minen und Stacheldraht bot seinen Bewohnern offenbar viel mehr Amüsement, als ignorante Wessis bislang zu vermuten pflegten. Grund genug also, den Film just an jenem 7. Oktober starten zu lassen, an dem die DDR ihren 50. Gründungstag hätte feiern können.

    Vertraut man Haußmann und seinem Drehbuchautor Thomas Brussig, beide in Deutschlands Osten aufgewachsen, ging es sogar richtig wild und manchmal auch saukomisch im Arbeiter- und Bauerparadies zu. Wenngleich vielleicht auch nur in jener Berliner Staße, deren längerer Teil einst im Westen, der kürzere hingegen hinter der hässlichen Mauer im Ostteil der Hauptstadt lag. Das war die Welt von Michael, einem pickligen Siebzehnjährigen mit Berufsziel Pop-Star, der schönen Miriam, dem Mädchenschwarm Mario und vom kleinen Wuschel, dessen größter Wunsch der nach einem Doppelalbum der Rolling Stones war, das ihm übrigens das Leben rettet.

    Für die Mehrheit der heutigen Deutschen ist "Sonnenallee" die Begegnung mit einer ziemlich exotischen Welt. Offenbar haben die Filmemacher nicht viel Vertrauen in die Bereitschaft dieser Mehrheit zu einer wirklichen Auseinandersetzung damit gehegt. Deshalb zeichnen sie mit Lust an der Produktion von Spaßeffekten ein Bild ihres ehemaligen Staates, das nicht nur diesen der Lächerlichkeit preisgibt, sondern auch ab und an die Figuren ihrer Geschichte.

    Wobei es allerdings anzumerken ist, dass davon weniger die vielen jungen, eindrucksvoll unverbrauchten Darsteller der pubertären Grenzstraßen-Clique betroffen sind als die Erwachsenen von Mutter Doris über West-Onkel Heinz bis zum dämlichen Uniformträger Horkefeld. Diese Erwachsenen werden leider allzu sehr als Karikaturen gezeichnet. Bei profilierten Mimen wie Katharina Thalbach, Henry Hübchen oder Ignatz Kirchner tut das schon weh, beim notorischen Selbstdarsteller Detlev Buck, der leider auch in der "Sonnenallee" nicht fehlen darf, ist das weniger verwunderlich.

    Im Mittelpunkt der Handlung, die in den 70-er Jahren spielt, steht der Versuch von DDR-Jugendlichen, sich auch hinter der Mauer ein bißchen Rebellion gegen die realsozialistische Spießigkeit jener Zeit zu erlauben. Da ist vieles gewiss präzise beobachtet, was den Film unterhaltsam und manchmal sogar bewegend macht. Haußmann und Brusig widerstehen jeder Versuchung, das Leben jener Tage zu dämonisieren, aber sie erliegen auch fast jeder Verlockung, die vergangene Zeit zu veralbern.

    Immerhin machen sie mit ihrer äußerst echt wirkenden Papp-Mauer aus dem Filmstudio Babelsberg ein Kapitel deutscher Geschichte lebendig, von dem längst noch nicht alle Geschichten erzählt sind. "Sonnenallee" ist eine davon, allerdings auch nur eine und nicht die beste. Den symbolhaften Start-Termin in den Kinos hat Autor Brussig mit jener treffenden Ironie begründet, die dem Film meist abgeht: "Die Filmschaffenden der DDR bündeln ihre Kräfte und präsentieren der Republik dieses Geburtstagsgeschenk."

    Wolfgang Hübner, AP

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