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  • Kritik: GrassDokumentation porträtiert den Autor

    Bequem hat es Literaturnobelpreisträger Günter Grass weder seinen Freunden noch seinen Gegnern je gemacht: ob vor Jahrzehnten als engagierter Kämpfer für eine neue Ostpolitik an der Seite der SPD oder zuletzt mit seinem für viele schockierend späten Bekenntnis der Mitgliedschaft in der Waffen-SS.

    Wenn man ihm nach dieser Enthüllung die Funktion als «Gewissen der Nation» abspräche, habe er nichts dagegen, denn dies habe er eigentlich nie sein wollen, sagt der Autor in dem Dokumentarfilm «Der Unbequeme». In bundesweit 50 Programmkinos wird diese erste umfassende filmische Darstellung des viel diskutierten und geehrten Literaten am 19. April starten. Eine TV-Ausstrahlung zum 80. Grass-Geburtstag im Herbst ist nach Aussagen des Verleihs in Planung.

    Rund zwei Jahre lang haben die beiden Regisseurinnen Sigrun Matthiesen und Nadja Frenz den prominenten Schriftsteller bei der Entstehung seines autobiografischen Buches «Beim Häuten der Zwiebel» begleitet - und sind dabei ungeplant in den Medienrummel rund um das Thema der SS-Verstrickung des 17-jährigen Grass geraten. Auch dank der sensiblen Kamera-Arbeit von Knut Schmitz, der wohltuend ruhige Bilder beisteuert, ist «Der Unbequeme» dennoch meilenweit entfernt von jedwedem aufgeregten Voyeurismus. Entstanden ist eine sachlich-faire Darstellung, die den Autor vom kalten Marmorsockel des Literaturdenkmals herabholt.

    Die Film-Erzählung rund um das skandalumwitterte Buch wird aber auch zur anschaulichen Zeitreise in die Vergangenheit des Schriftstellers mit den Stationen Danzig, Paris, Lübeck oder Warschau. Grass führt seine Übersetzer, mit denen er zuvor witzig in allen Sprachen Europas um die pikante Übersetzung von «die Geliebte» diskutiert hat, vor das bescheidene Haus, wo er im Oktober 1927 das Licht der Welt erblickt hat. Er begegnet seiner Schauspieler-Tochter Helene in Paris, wo er in den 50er Jahren an der «Blechtrommel» schrieb und trägt mit ihr wunderbar «schmalzfrei» aus «Des Knaben Wunderhorn» vor.

    Wenn Grass zudem im Kreis aufgeweckter Lübecker Schüler über seine Arbeit spricht und die Schaffensnöte jenseits des Nobelpreis-Ruhms («Das Papier ist erschreckend weiß geblieben.») nicht verschweigt, wird die Dokumentation zur Deutschstunde der erfreulichen Art. «Bestimmte Formen von Eleganz gefallen ihm nicht, er wollte die raue Stimme nicht verlieren», resümiert Hans Magnus Enzensberger zum Schreibstil seines Freundes.

    Auch der politische Grass kommt natürlich zu Wort, der die SPD seit langem kritisch sympathisierend im Blick hat: Anders als andere Bewegungen «hat diese Partei kein Endziel, das beruhigt mich». Zusammen mit den Autorenkollegen der Gruppe 47 habe Grass für ihn die Türen zur deutschen Nachkriegskultur geöffnet, erklärt der israelische Schriftsteller Amos Oz im Kurzinterview - und die erst nach langer «Verkapselung» (Grass) eingestandene Verstrickung in die Waffen-SS erscheint meilenweit entfernt.

    Gerd Korinthenberg, dpa

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