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  • Kritik: Grandiose Musik und Schauspielkunst

    Das Ende des Films ist zugleich sein fulminanter Höhepunkt: Da sitzt, steht, tanzt eine impulsive junge Frau am Klavierflügel und hämmert ekstatisch auf Tasten und Seiten des würdevollen Instruments ein.

    Das Publikum, das zum Musik-Wettbewerb angerückt ist, hält den Atem an. So etwas hat es nicht erwartet. Eigentlich sollte in einer Länge von «vier Minuten», so der Titel des Dramas von Chris Kraus, ein Schumann-Stück in konventioneller Form dargeboten werden. Stattdessen spielt Jenny (Hannah Herzsprung) eine grandiose Variation im Stil neuer Musik, eine Mischung aus Klassik und Moderne, Romantik und Pop. Kraus hat dabei mit Hauptdarstellerin Hannah Herzsprung einen phänomenalen Coup gelandet.

    Der Regisseur und Autor erzählt in seinem zweiten Film die Geschichte der wegen Mordes im Frauengefängnis sitzenden Jenny. Das Mädchen ist ablehnend, aggressiv, gewalttätig - und musikalisch unglaublich begabt. Als Kind gilt sie als Wunderkind am Piano. Bis sie von ihrem Vater missbraucht wird. Nach diesem Erlebnis rebelliert sie: Zieht aus, trinkt, nimmt Drogen und landet schließlich im Knast.

    Ihr Talent wird von der Klavierlehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu), die seit 60 Jahren Unterricht im Gefängnis gibt, wiederentdeckt und mit Disziplin gefördert. Sie nimmt sich der verschlossenen und immer kurz vor der Explosion stehenden Jenny an und bereitet sie auf einen Klavierwettbewerb vor. «Für mich war die Musik ein tragendes Element», sagt Regisseur Kraus, «als Gegenentwurf zu der grauenhaften Welt, die hinter beiden Hauptfiguren aufscheint».

    Der Film lebt von der herausragenden Kunst seiner beiden Hauptdarstellerinnen: Herzsprung, die als Nachwuchsentdeckung gefeiert wird, und Altmeisterin Monica Bleibtreu. Gut, aber leider nur in einer Nebenrolle, spielt wie immer Nadja Uhl («Sommer vorm Balkon»). Dagegen bleiben die anderen Darsteller, wie zum Beispiel Jasmin Tabatabai, eher blass.

    Das Gefängnisdrama heimste bereits zahlreiche Preise ein, zuletzt vier Porzellan-Pierrots beim Bayerischen Filmpreis 2007: Bleibtreu (Jahrgang 1944) bekam den weiblichen Darstellerpreis, ihre kongeniale jüngere Partnerin Herzsprung (Jahrgang 1981) wurde als beste weibliche Nachwuchsdarstellerin gekürt. Die 25-Jährige ist in der Tat eine Entdeckung fürs Kino. Neben den Darstellern wurde Kraus in München für sein Drehbuch sowie die Produzentinnen Alexandra und Meike Kordes mit dem mit 60 000 Euro dotierten Nachwuchsproduzentenpreis ausgezeichnet.

    Eine Ehrung hätte auch das musikalische Arrangement der Filmkomponistin Annette Focks für ihr furioses Stück zum Schluss des Films verdient. Bis dahin entwickelt sich die Handlung nämlich recht voraussehbar. Man hätte dem Film mehr Innovation in der Erzählweise, mehr Mut und weniger Klischees gewünscht: Dass Klavierlehrerin Traude lesbisch ist und seit dem Krieg ihrer von den Nazis hingerichteten Geliebten nachtrauert (in Rückblenden erzählt), überfrachtet die Story um Aspekte, die für die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Figuren nicht notwendig gewesen wären.

    Susanne Schmetkamp, dpa

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