40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Glänzender Film über ein schmutziges Gewerbe:
  • Kritik: Glänzender Film über ein schmutziges Gewerbe:

    Hollywood erzählt gerne die Geschichte vom Jüngling, der es vom unbeachteten Tellerwäscher zum hochbezahlten Star bringt. "Boogie Nights", ab dem 4. Juni in den deutschen Kinos zu sehen, gehört zu diesen Filmen über den amerikanischen Mythos und ist doch ganz anders. Denn noch nie stand im Mittelpunkt einer seriösen Produktion der Aufstieg eines Mannes, dessen größter Vorzug das prachtvoll entwickelte männlichste Körperteil ist.

    Wahrlich tollkühn hat der erst 27jährige Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Paul Thomas Anderson um diesen Eddie Adams, der als Dirk Diggler zum Porno-Idol wird, eine in jeder Weise sehenswerte Leinwandgeschichte geformt.

    Anderson, nach dieser Genieprobe eine der ganz großen Hoffnungen des amerikanischen Films, ist es ohne jede Peinlichkeiten gelungen, einen wirklich guten Film über ein wirklich schmutziges Gewerbe zum machen. Wahrscheinlich darf man nicht älter als der Filmemacher sein, um bei einem solch waghalsigen Unterfangen nicht rettungslos abzustürzen. Denn in dem Streifen dreht sich alles um das, was Diggler so ausdrückt: "Jeder hat im Leben etwas Besonderes bekommen, und das da unten, das ist mein Geschenk."

    Daß dieses "Geschenk" dem Zuschauer erst präsentiert wird, als schon niemand mehr damit rechnet, ist ein grandioser Knalleffekt von "Boogie Nights". Ansonsten aber setzt Anderson in dem unterhaltsamen zweieinhalbstündigen Film mit erstaunlicher Sicherheit auf Emotion, Diskretion und glänzende Schauspieler - allen voran Burt Reynolds in einer Paraderolle als ausgebuffter Pornoregisseur, der so gerne ein allseits anerkannter Filmemacher wäre. Für seine Leistung ist der 62jährige Reynolds mit dem Golden Globe-Preis sowie einer Oscar-Nominierung zu Recht belohnt worden.

    Seine besten Szenen hat der Routinier gleich zu Beginn, wenn er mit untrüglichem Instinkt den jungen Aushilfskellner namens Eddie Adams "entdeckt" und unter dem Künstlernamen Dirk Diggler zum Star seiner Schmuddelfilme macht. Reynolds spielt das ohne jede mimische Anstrengung, ihm nimmt man in jeder Sekunde den Profi ab, der seine ganz besondere Ware, also Geschlechtsverkehr in Großaufnahme, so gut wie nur möglich produzieren möchte. Für den 26jährigen Ex-Rapper Mark Wahlberg als Diggler ist es nicht leicht, neben einem solchen Schwergewicht wie Reynolds zu bestehen.

    Es ist natürlich eine pikante Aufgabe für Wahlberg, die raketenartige Karriere Digglers glaubwürdig zu machen, ohne 150 lange Minuten deren "Trumpfkarte" präsentieren zu dürfen. Aber der junge Schauspieler meistert das mit einer exakten Mischung von Naivität und Durchtriebenheit bravourös unbefangen.

    Zu den Attraktionen des Films gehört auch Julianne Moores sehr differenzierte, zartfühlige Verkörperung der Porno-Muse Amber. Moore, ein immer strahlenderer Stern am Hollywood-Himmel, zeigt glaubwürdig eine Frau, die Sex vor der Kamera betreibt wie andere Computerarbeit, dabei aber ein mütterliches Wesen bleibt, das tief an dem Scheitern ihres Familienlebens leidet.

    Anderson hat mit "Boogie Nights" in epischer Form ein schmutziges, gleichwohl vitales Stück amerikanische Kultur- und Sittengeschichte der späten 70er- und frühen 80er-Jahre auf die Leinwand gebannt. Der jugendliche Regisseur hat viel riskiert, aber noch mehr gewonnen. Es gibt nicht viele Filme von solcher Kraft wie dieser außergewöhnliche Streifen. Es ist nicht oft in Hollywood-Produktionen so unverkrampft von Sex die Rede. Und es ist selten so deutlich geworden wie in diesem Film, daß die professionelle Promiskuität der Porno-Szene weiter entfernt ist von Erotik als eine Bischofskonferenz.

    "Boogie Nights" besitzt alle Qualitäten des amerikanischen Kinos ohne seine chronischen Fragwürdigkeiten und moralisierenden Verkrampftheiten. Einem 27jährigen Riesentalent, dessen weiterer Entwicklung mit Spannung entgegengeblickt werden darf, ist ein großer Kinowurf gelungen. Anderson hätte mit dem Verzicht auf den grandiosen Schlußeffekt eine mildere Altersfreigabe in den offiziell sehr prüden USA erreichen können. Daß er darauf und folglich auf viele Dollar an den Kassen verzichtet hat, zeigt künstlerischen Charakter. Aus solchem Holz werden große Karrieren geschnitzt. "Boogie Nights" darf niemand versäumen, der das Kino als Ort liebt, in dem Fernsehware keinen Platz hat.

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Redakteur

    Maximilian Eckhardt

    Mail | 0261/892743

    Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Samstag

    -3°C - 4°C
    Sonntag

    -5°C - 2°C
    Montag

    -3°C - 2°C
    Dienstag

    -2°C - 4°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!